Kultur : Roots-Rock mit Latino-Einschlag und jede menge Blues

Philipp Lichterbeck

Die CD-Musik verstummt, das Licht geht aus und fünf massige Gestalten und ein schmächtiger Schatten bewegen sich auf die Bühne des Columbia-Fritz. Kaum dass sie ihre Gitarren, die Drumsticks und das Saxophon gegriffen haben, da bläst es schon aus den Verstärkern, es stampft, wurzelt, bluest und erdet. Man mag kaum glauben, dass das Los Lobos sind, die vor zwölf Jahren ihren ersten und bisher einzigen Hit mit "La Bamba" landeteten, einem fröhlichen Cover des Klassikers von Ritchie Valens, dem Ricky Martin der fünfziger Jahre. Damals hatte der Erfolg der Band aus East-LA übel mitgespielt, weil man sie plötzlich für eine Partykombo mit Oldie-Repertoire hielt. Dabei spielten die Mannen um Texter, Schlagzeuger und Gitarrist Louie Perez immer schon Roots-Rock mit Latino-Einschlag. Perez wird zwar oft als intellektueller Kopf der Band bezeichnet, aber neben seinen Kollegen wirkt er wie ein Zwerg. In Schlabber-Shorts stehen die Gitarristen Cesar Rosas und David Hidalgo, zwei riesenhafte ältere Herren, dort oben, haben die Augen geschlossen (ganze zwei Stunden lang) und behandeln ihre Instrumente wie Spielzeuge. Rosas gibt schier endlose Soli, die gleichzeitig an John Lee Hooker, Carlos Santana und Neil Young erinnern. Seine Gibson wimmert, schreit, jault und brät. Hidalgo singt: "Yo soy mejicano-americano". Dann schnallt sich Rosas die Quetschkommode vor den Bauch, ruft "Vamos a bailar", und es polkat los: Umtata-umtata. Aus dem Publikum ertönt das Yayaya, der Geburtsschrei der Raza Mejicana. Doch die Freude der Latinophilen währt nicht lange, denn das Herz der Wölfe gehört dem Blues. Sie klagen und feiern, stolz und voller Wehmut. Vielleicht ist es nur älteren Herren möglich, diese Gefühle in Musik zu verwandeln.

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