Kultur : Rosenknospen, Myrte und Orangenblüten

Der Islam in der Judengasse: Bettine von Arnims „Gespräch mit Dämonen“

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Den „Geist des Islam“ als Beschützer verfolgter Revolutionäre und höchste Instanz poetischer und religiöser Herrschaft aufzurufen, würde heute hierzulande als fundamentalistische Provokation gewertet. Als Bettine von Arnim 1852 ihr fiktives Gesprächsprotokoll mit Friedrich Wilhelm IV dem „Geist des Islam“ und dessen „Vertreter“, dem Sultan Abdul-Medschid-Khan, widmete, wurde das in Preußens aufklärerischen Kreisen indes als Fanal empfunden.

Die Widmung ihres „Gesprächs mit Dämonen“ galt einem muslimischen Monarchen, der den türkischen Staat im Sinne europäischer Vorstellungen reformiert und den ungarischen Flüchtlingen Asyl geboten hatte. „Dämonen“ waren für die ebenso romantische wie gebildete Schriftstellerin – ähnlich wie für Sokrates und Goethe – positive geistige Gestalten und identitätsstiftende Kräfte. Nachdem das Klima der Münchener Räterepublik 1919 eine gekürzte Neuausgabe unter dem Titel „Bettina von Arnims Aufruf zur Revolution und zum Völkerbunde“ erlaubte, ist jetzt der Originaltext von 1852 wieder in vollständiger Form und mit vorzüglichem Kommentar zugänglich.

Der Dämon dieser Gespräche war das alter ego des preußischen Königs, und die Autorin verstand sich als Einflüsterin. Sie wollte dem schlafenden König in polyfoner Form eine zukunftsorientierte Politik weisen, wobei die Stimme des magyarischen Freiheitsdichters Sándor Petöfi am eindringlichsten klang. Mit dem Dämonengespräch versuchte Bettine nach der gescheiterten Revolution von 1848/49, noch einmal ihr früheres „Erziehungsprojekt“ zu reaktivieren.

In eigenwilliger Interpretation der Ideen von Karl Marx hatte sie bereits 1843 für Friedrich Wilhelm IV eine Anleitung zum „sozialen Volkskönigstum“ verfasst und mit einem Armenbuch fortgesetzt. Obwohl der Preußenkönig auch in Zeiten beginnender Demokratiebewegungen am christlichen Gottesgnadentum festhielt, schien er einen liberalen Wandel zu versprechen. Selbst wohlwollende Kritiker nannten Bettine von Arnim aber eine „Träumerin aus Notwehr gegen die Wirklichkeit“. Ist das Dämonengespräch also eine unzeitgemäße Betrachtung?

Als ein Produkt des Jugendidealismus kann es kaum betrachtet werden, denn seine Autorin war immerhin 67 Jahre alt. Das Buch ist ziemlich genau auf die Persönlichkeit des Adressaten und den Bewusstseinsstand von Aufklärung und Goethezeit zugeschnitten. Im Zustand des Wachtraums, das heißt im imaginären Bereich zwischen Vernunft und Fantasie, glaubt die selbst zur Dämonin gewordene Erzählerin, den preußischen Machthaber am ehesten erreichen zu können. Der Geist des Islam hat hier nur einen kurzen und symbolischen Auftritt: „Gewähre, solange es Zeit ist. Es wird die Zeit kommen, wo du gewähren möchtest, aber keinen findest du, der es annehme.“

Bettine wusste, dass Friedrich Wilhelm IV mit Lessing, Mozart oder Herder die orientalische Geste schätzte. Aber wie bei Goethe, auf dessen Schoß sie bekanntlich schon als Kind saß, wurde auch bei ihr das „Orientalische“ in politischer Verbindung mit der Judengasse konkret. Sie bemängelte, dass die Frankfurter zwar orientalische Gewächse hegten und pflegten, die Juden aber verkommen ließen. So stellte sie im Text einen Strauß mit „Rosenknospen und Orangenblüten, Granaten, Balsamnelken und Ranunkel und Myrten“ zusammen und verteilte diesen Orientduft unter den zerlumpten „Judenkindern“ mit ihren „feingebildeten Nasen und blassen Mädchenwangen“.

Zwar war diese eher unbedarfte Äußerung Bettines nicht mit dem grobschlächtigen Antisemitismus ihres Gatten in der „Christlich-Teutschen Tischgesellschaft“ zu vergleichen, doch bei Rahel Varnhagen löste sie einen Albtraum aus. Sie träumte, dass Bettine und die Mutter Gottes sie wegen ihrer „Schande“ des Judentums vom gemeinsamen Lager verstoßen hätten. Und Ludwig Börne, der selbst aus der Frankfurter Judengasse stammte und sich bereits maßlos über die abschätzige Milieubeschreibung dieses Ortes in Dichtung und Wahrheit erregt hatte, erklärte sarkastisch: „Goethe schlug Mignon tot mit seiner Leier und begrub sie tief … Nach vierzig Jahren kam sie wieder und nannte sich Bettina.“

Rüdiger Görner, der die Neuausgabe des „Gesprächs mit Dämonen“ betreut hat, meint, dass die Lektüre dieses Werks „Ungewöhnliches“ fordere, nämlich Poetisches und Politisches, radikales und auf Ausgleich angelegtes Gedankengut als Einheit aufzufassen. Treffender kann man es nicht sagen.

Bettine von Arnim: Gespräch mit Dämonen. Neuausgabe der Erstausgabe von 1852. Herausgegeben und kommentiert von Rüdiger Görner. Berlin

University Press 2010.

264 Seiten, 34,90 €.

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