Kultur : "Rosmersholm": Geschichten aus dem Geisterhaus

Peter von Becker

Als Johannes Rosmer alias Gert Voss eines Morgens, an der Schwelle seines Schlafzimmers, Rebekka West, die ihn seit Jahren begehrt, endlich fragt, ob sie seine Frau werden wolle, da fährt die Schauspielerin Angela Winkler in der Rolle auf wie von einer Schlange gebissen. Und ihr heller Schrei wird selbst zum Schlangenschrei - zum erstickenden Zischen. In Henrik Ibsens Stück "Rosmersholm" steht da noch: ein Freudenschrei.

Hier aber, im Akademietheater der Wiener Burg, ist die Freude sofort ein Erschrecken, dann tiefgreifendes Entsetzen, das auch das verlegen entgeisterte Lächeln auf Angela Winklers schönen, elegischen Altmädchengesicht zum lippenlosen Grinsen macht. Ihr Antlitz wird so schon im Leben zum Totenkopf. Das ist einer der genialen Momente in Peter Zadeks großartig bestürzender, bis ins Hochfragwürdige beklemmender, für Sekunden immer wieder auch grotesk komischer Inszenierung.

Tutti quanti, fast alle waren sie zur Premiere gekommen: Brandauer und Harald Schmidt, Bondy und Dorst und neben vielen noch amtierenden Intendanten der große alte Kurt Hübner, an dessen Berliner Freier Volksbühne Peter Zadek schon vor zwei Jahrzehnten "Rosmersholm" spielen wollte. Das Stück hat den 74jährigen Zadek verfolgt - und kaum einer der nach Wien gereisten Theaterleute und Kritiker hat es schon einmal gesehen. Vorgestern in Augsburg war die deutsche Erstaufführung, 1887. Dann folgten die europäischen Theaterhauptstädte, die Duse und Tschechows Muse Olga Knipper haben die Rolle der Rebekka West gegeben, aber das ist längst Historie. Heute, für heute schien Ibsens "Rosmersholm" nahezu unspielbar. Nun ist die Wiederentdeckung in Wien am Ende mit Jubel und Rosen aus dem Publikum wie eine Uraufführung gefeiert worden.

Wahrscheinlich könnte niemand diese monströse, abgründig verknotete Geschichte besser erzählen als Zadek und seine fabelhaften Lieblingsschauspieler: Gert Voss und Angela Winkler, dazu der glänzend disponierte Peter Fitz als engster Freund und schärfster Widersacher sowie in Nebenrollen auch Otto Schenk, Annemarie Düringer und Klaus Pohl.

Warum aber dieser Entsetzensschrei in der Mitte, im Zentrum des Stücks? Rebekka soll Rosmers zweite Frau werden. Sie soll eine Tote ersetzen, soll deren Schatten austreiben aus Rosmers Haus (norwegisch: Rosmersholm). Mord und Selbstmord liegen hier in der Luft, die geschwängert ist von endlosen Vorgeschichten, Familienverhängnissen, von Intrigen, Geisteskrankheiten und vielerlei Gewissensblähungen und Seelenfürzen - wie Karl Krauss derlei nannte.

Rosmer kommt aus einem Geschlecht, wo die kleinen Kinder nie geschrieen haben und die Erwachsenen nie lachen, wo sein Vater als Offizier auch im Haus mit der Peitsche regierte und er, der Sohn, als Pfarrer offenbar ein unerbittlicher Moralprediger war. Irgendwann trat dann als Faktotum und Pflegerin der kinder- und glücklosen Beata, Rosmers erster Frau, die bezaubernde, fremde Rebekka ins Haus, eine Halbwaise aus dem hohen Norden. Beata aber, die zunehmend als verstört und verrückt galt, hat sich vor anderthalb Jahren vor Rosmersholm ins Wasser gestürzt. Nun reiten nachts weiße Rosse ums Haus, und der Geist der Toten wird immer gegenwärtiger. Sie zieht die Lebenden nach, was Rebekka in Zadeks Interpretation spätestens im Moment des Heiratsversprechens erkennt.

Ein vermeintliches, irrwitziges Glücksversprechen. Denn der Witwer Rosmer, dieser ehemalige Prediger, der sein Pfarramt quittiert hat, ist nichts als ein unreiner Tor. Gert Voss muss dabei als kluger Virtuose etwas Hochkompliziertes spielen: einen Intellektuellen, der zugleich vollkommen naiv ist. Sein Text besteht dabei fast zur Hälfte nur aus Fragen. Rosmer ist fasziniert von Rebekkas freigeistigem Schwung in der Depressionshöhle seines Totenhauses, unter ihrem Einfluss hat er der Religion und mehr noch der Bigotterie abgeschworen. Er will ein Liberaler werden. Damit gerät er in Konflikt mit seinem Freund Dr. Kroll, einem rigiden Schulrektor und Traditionalisten, der in Elisabeth Plessens (wohl sanft aktualisierender) Übersetzung klagt, dass jetzt "diese Linken" an der Macht seien. Deswegen ist er nun selbst in die Politik gegangen.

Kroll, ein Mann der norwegischen Leitkultur, und Rebekka umwerben Rosmer, das alte Unglückskind in der Mitten. Rosmer stellt immerzu seine Fragen, versteht nie etwas auf Anhieb - auch nicht, als er sich dem fortschrittlich gottlosen Politiker und Publizisten Mortensgard andient, worauf dieser (bei Klaus Pohl ein speckiger Halbintrigant) erschrocken abwehrt: Seine Partei und sein Blatt, das "Leuchtfeuer", bräuchten doch Unterstützung aus dem konservativen Lager, ein bekennender Pfarrer, der sei für ihn wichtig. "Wir haben selber schon genug Atheisten!"

In solchen Situation spielt Gert Voss den Weltbefrager als bürgerlichen Parzifal. Er ist immer sehr elegant in schwarzes Tuch gekleidet, versucht mit angewinkelten Ellenbogen oder über der Brust verschränkten Armen die Façon zu wahren, und erst allmählich wird klar, dass seine Naivität auch ein letzter Schutzpanzer ist gegen den verzweifelten Ausbruch aus der eigenen Haut: Selbstbefreiung paart sich mit Selbstzerstörung und jener wehleidigen Egozentrik, die Rebekkas und seine eigenen Gefühle auf dem Altar neurotisch-platonischer Freundschaft opfert, im Glauben, kalte Liebe roste nicht.

Voss spricht diesen Lebensträumer und Liebestöter in leisem, suchenden, das Salbadern (von einst) noch immer streifenden Ton. Manchmal nur springt und platzt die zivile Rüstung. Wenn er Kroll (Peter Fitz) dessen reaktionären politischen "Fanatismus" vorwirft, fährt er selbst hoch wie ein Schachterlteufel, roten Kopfes, mit geballten Fäusten und schier überschnappender Stimme. Wie sich die beiden Kroll und Rosmer in ihren feinen schwarzen Zweireihern mit Weste umflattern, begirren, behacken wie Herrenraben: das ist überhaupt von psychologischer Delikatesse. Und in Fitz, dem Eckigen mit seinen eingezogenen Schultern, erkennt man mehr als nur das knöchrige Prinzip: Er scheint als Konservativer unter den Schwärmern nicht bloß ein Ewiggestriger zu sein, er verbindet Machtbewusstsein mit Mitgefühl, wenn er über Rosmer und Rebekka spottet: "Ein abtrünniger Mann und eine emanzipierte Frau!" Winklers Rebekka zeigt ihm die entblößte Schulter und die Unterröcke. Aber das ist nurmehr die nackte Verzweiflung.

Denn hier ist keinem zu helfen. Nicht in diesem Geisterhaus, das der Bühnenbildner Karl Kneidl als weiten Salon mit einem Alleenprospekt hinter der Tür und vielen Blumen bestückt hat; mit Blumen, welche die Selbstmörderin einst nicht vertrug, nicht ihren Geruch und nicht "ihre Farben". Dem verblendeten Rosmer müssen sie auch als Blumen des Bösen erscheinen, als ihm Rebekka gesteht, dass sie die unglückselige Beata mit Andeutungen über ein Verhältnis womöglich in die tödliche Selbstaufopferung getrieben habe. Da springt ihr Vossens Rosmer an die Gurgel, schlägt sie zu Boden. Nach diesem Geständnis und dem physischen Ausbruch aber könnte ein neuer Frieden einkehren. Man spürt, dass Peter Zadek auf einen utopischen Moment der Befreiung nach allen Seelen- und Gewissensqualen hininszeniert hat. Doch Ibsen lässt ihm keine Wahl. Der weiße Schal, den Rebekka zu Beginn des Stücks in der Abendsonne häkelt, legt ihr der ehemalige Priester dann zum Finale nachts im Hof des Gutes, vor einer Garage mit malerischem Autowrack um den Kopf wie einen Brautschleier. Dann gehen sie beide auf den Steg überm Wasser, stürzen sich der Selbstmörderin hinterher.

Ein großes Ach. Dieses Stück ist eine ungeheuere Ibsen-Konzentration. Alles in einem, alle Motive des riesigen Werks sind hier aufgeladen, zusammengeballt: Familienfluch, Lebenslügen, Hexenspuk, die zu späte Liebe, das Leid von früh an, das Totenerwachen, das Sühneopfer, die heillose Sehnsucht. "Rosmersholm" wirkt wie ein Konstrukt. Eine dramatische Kolportage über zwanghaftes Verhalten, die dem Stoff selbst etwas Zwanghaftes verleiht. So viele verworrene Vorgeschichten müssen nacherzählt werden, immerzu erfragen und erklären sichdie Figuren, deren lebendigste die abwesende Tote ist, das Seelenzombie. Wenig Luft ist um diese Menschen, doch das Stickige, Schwerlastende hat Peter Zadek ganz meisterhaft animiert, ganz unverkeucht erzählt. Er hat den düsteren Text von innen erhellt und nicht, wie es die jungen Dekonstrukteure des Regietheaters getan hätten, nur von außen angeleuchtet, angepinkelt, ausgelacht.

Kurz vorm Ende schneit dann auch Otto Schenk als gescheiterter Künstler und Aufklärer, ein Ibsen-Tramp, nochmal in die Szene. Immer will er Rosmer anpumpen; der denkt an Geld, doch der Zerlumpte ruft aus: "Kannst du mir ein oder zwei Ideale leihen? Ein paar abgelegte Ideale ..." Um diese ernste komödiantische Frage hat Ibsen seine Tragödie errichtet. Und Peter Zadek hat eine komödiantisch ernste Antwort gegeben: zumindest für ein Theater, das wie keine Kunst sonst auch Geister beschwört.

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