Kultur : Rote Ohren

„History Boys“ – ein Film übers Bildungsglück

Tobias Haberkorn

Um der backsteinernen Tristesse von Sheffield zu entkommen, gibt es für Teenager zwei Möglichkeiten. Sie gründen eine Band und spielen Britpop, der ihnen Zugang zu Londons Musikclubs verschafft. Oder sie eignen sich in der Grammar School den viktorianisch-britischen Bildungskanon an, und schon stehen ihnen Oxford oder Cambridge offen. Die acht Jahrgangsbesten aus der Theaterverfilmung „History Boys“ haben sich für die bürgerliche Variante entschieden. Sie besuchen eine Vorbereitungsklasse für die begehrtesten Universitäten Englands. Ihr quadratköpfiger Schulrektor giert nach Prestige und verpflichtet den Oxford-Absolventen Irwin (Stephen Campbell Moore), um den Jungs Effizienz für die Aufnahmeprüfung zu verpassen. Der beliebte Englischlehrer Hector (Richard Griffith), ein fetter Kumpeltyp mit Fliege und homosexuellen Neigungen, lehrte die Boys bis dahin vor allem Hingabe an Poesie, Literatur, Musik – und hat von Eliteuniversitäten keine hohe Meinung.

Vordergründiger Humor umspielt Konflikte über Bildungsideale und Erwachsenwerden: Mit dieser Mischung wurde Alan Bennetts Bühnenstück zum Broadway-Erfolg, den Nicholas Hytner nun in Originalbesetzung ins Kino bringt. Das Klassenzimmer wird zur Bühne, und die Hauptdarsteller gefallen sich in ihrer jugendlichen Grazie. Allen voran Dakin (Dominic Cooper), der sich seiner Wirkung auf beide Geschlechter bewusst ist. Sein Gegenpol und verschmähter Verehrer, der verzärtelte Posner (Samuel Barnett), blüht in Hectors Stunden auf. Hier darf er auf Zuruf nach vorne stürzen, um Lyrik von Auden und Eliot zu rezitieren.

Die Boygroup verwechselt Selbstbewusstsein nicht mit Arroganz, so dass ihre elitären Bemühungen an Bildungshuberei vorbeischrammen. Eine Komödie mit Tiefgang. Denn auch der aalglatte Irwin bekommt bei einem unzweifelhaften Angebot Dakins hochrote Ohren, und en passant entsteht so ein Porträt dreier unverstandener Homosexueller. Offenbar hat der Englischlehrer doch recht mit der Feststellung, dass „die Weitergabe von Wissen schon in der Renaissance ein erotischer Akt war“.

Ab Donnerstag im Cinemaxx Potsdamer Platz, Passage, Colosseum, Zoo-Palast, OV im Cinestar Sony-Center

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