Kultur : Rote Tränen Russische Konzeptkunst

in der Galerie Sandmann

Barbara Kerneck
Wimpernschläge. Prigovs „Großes Auge“ von 1991 auf Zeitungspapier. Foto: Sandmann
Wimpernschläge. Prigovs „Großes Auge“ von 1991 auf Zeitungspapier. Foto: Sandmann

Dmitri Prigov (1940 - 2007) war, bescheiden ausgedrückt, ein Universalgenie. Als einer der Väter des russischen Konzeptualismus schrieb er über 35 000 Gedichte, schuf Grafiken, Installationen und Performances, trat in Filmen und bei Konzerten auf. Die Galerie Sandmann zeigt eine repräsentative Auswahl, und nicht zufällig hat auch die St. Petersburger Eremitage eine Retrospektive des Künstlers im Begleitprogramm der 54. Biennale in Venedig organisiert, um sich als Player nun auch für moderne Kunst zu profilieren.

Den Satiriker in Prigov hätte es amüsiert, dass sein raumgreifendstes Werk in der hiesigen Ausstellung fast zu spät eingetroffen wäre – wegen eines Streiks in Italien. Es handelt sich um ein riesiges Auge mit schwarzer Pupille vor einem Hintergrund von Prawda-Seite. Obwohl das fast altägyptische Symbol flächig wirkt, wurde es mit Kugelschreiber gezeichnet, wie all die Bilder hier. Das Auge weint eine rote Träne in Form einer Klistierbirne. Die Zeitungsseiten aus diesem letzten Jahr der Sowjetunion beschäftigen sich viel mit dem Thema Freiheit. Gleichzeitig wurde den Bürgern von ihrer eigenen Nomenklatura eine so genannte ökonomische Schocktherapie verordnet: gezielte Rubel-Entwertungen fraßen ihre letzten Ersparnisse, Preise für lebensnotwendige Güter explodierten. Das Bild „blutet aus“, ein rote Lache bildet sich auf dem Boden. Prigovs Bilder werden heute zu Preisen zwischen 3000 und 30 000 Euro gehandelt. Schon damals war er ein internationaler Star und hatte gewiss nicht materiell zu leiden. Doch der Schmerz, den dieses Bild auslöst, ist sein eigener.

Dmitri Prigov lebte und starb in Moskau. Obgleich er die Mächtigen gern provozierte und einer zu jedem Unfug aufgelegten Künstlergruppe angehörte, organisierte er seinen Alltag überaus ordentlich. All seinen Werken haftet etwas fein Ziseliertes an. Selbst wenn er in einem Video als Araber aus 1001 Nacht auf einem Teppich zwischen Bergriesen hindurchschwebt, bleibt die Langhaarperücke wohlfrisiert.

Prigov schlug viele Brücken. Die zwischen bildender Kunst und Literatur wird in der gegenwärtigen Ausstellung in einigen fett geschriebene Texten auf faszinierenden Papierkörpern sichtbar. Eine andere, die Beziehung zwischen Leben und Tod, bildete eines seiner Hauptthemen und brachte ihn dazu, zeichnerisch seine eigene Genesis zu entwerfen. Kuriose Kreaturen wie Eselsmenschen entsprangen dieser Suche. Und weil er das Foto einer in die Sonne blinzelnden Marilyn Monroe im Hintergrund um solch ein Geschöpf ergänzt hat, blickt sie nun aus traurigen Elefantenaugen. Barbara Kerneck

Galerie Sandmann, Linienstr.139; bis 26.11., Di - Fr 14 - 19 Uhr, Sa 12 - 18 Uhr.

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