Kultur : Rotkäppchen und der Wolf

Selbstjustiz: David Slade dreht mit „Hard Candy“ einen moralischen Thriller

Julian Hanich

Es beginnt ganz sanft und unpersönlich. Zwei Menschen lernen sich übers Internet kennen, treffen sich, gehen auf einen Drink nach Hause. Er: ein 32-jähriger Fotograf, wortgewandt, gut aussehend, mit Villa in den Hügeln von Los Angeles. Sie: ein 14-jähriges Schulmädchen mit Bubikopf, verführerischer als die berüchtigte Dolores Haze, genannt Lolita. Bald jedoch wird es ziemlich heftig und sehr, sehr persönlich. Das Teenie-Nymphchen mit der Rotkäppchenkapuze streift ihr falsches Gewand ab und fängt an, den Mann mit erregtem Sadismus zu peinigen. Ihr Vorwurf: Pädophilie. Ihr Motiv: Rache aus Prinzip. Ihre Methode: psychische und körperliche Folter.

Die Konstellation erinnert an „Der Tod und das Mädchen“. Wie Roman Polanskis Kammerspiel versetzt auch „Hard Candy“ das moralische Bewusstsein geschickt in eine Pendelbewegung zwischen zwei Extremen. Unsicher, für wen er Sympathie aufbringen darf, oszilliert der Zuschauer gedanklich zwischen Pädophilieverachtung und dem Verdammen von Folter und Selbstjustiz. Wollte man es zugespitzt sagen: zwischen der Abscheu vor dem Kinderschänder Marc Dutroux und dem Ekel vor Abu Ghraib. Umgekehrt bedeutet das aber auch: Der Film muss den Zuschauer immer wieder dazu verführen, sich in eine Figur von moralischer Widerwärtigkeit einzufühlen – was die Sache brisant macht, aber sehr sehenswert. Regisseur David Slade hat dafür in seinem Kinodebüt mit Patrick Wilson und Ellen Page zwei ausreichend begabte Verführer an der Hand. Insbesondere die junge Ellen Page legt ihre Rolle des Racheengels gekonnt zwischen geiferndem Ernst und fiesem Humor an.

Weil der Film nicht auf Suspense-Momente verzichtet, lässt er sich vielleicht am besten als moralischer Thriller etikettieren. Allerdings gibt es ein paar Szenen, die ihn aufgrund ihrer Drastik in die Nähe von aktuellem Folter-Horror wie „Hostel“ oder „Wolf Creek“ rücken – wobei Slade peinlich genau darauf achtet, die Grausamkeiten der Einbildungskraft des Zuschauers zu überantworten.

Wollte man dem Film einen Vorwurf machen, dann den, dass er sein Eskalationsszenario am Schluss beinahe über den Abgrund und hinein ins Groteske treibt. Zum anderen versucht Slade, der sich zuvor mit Werbefilmen und Musikvideos einen Namen gemacht hat, aus den beschränkten Möglichkeiten des Zwei-Personen-Stücks stilistisch herauszuholen, was geht. Und das ist manchmal zu viel. Wenn die Protagonistin einen gelben Cocktail in der Hand hält, steht sie selbstredend vor einer gelben Wand. Und wenn der Film den Blickwinkel auf eine Folterszene verändern will, setzt die Kamera zu einer langen Fahrt quer durch den Raum an, bei der sich recht motivationslos eine dunkle Wand dazwischenschiebt.

Durch solche Spielereien zieht die ästhetische Seite des Films mehr Aufmerksamkeit auf sich als nötig. Als ob uns das moralische Dilemma um Pädophilie und Folter nicht genug beschäftigte!

In Berlin in den Kinos Cinemaxx Colosseum und Potsdamer Platz, Cinestar Hellersdorf und Sony Center (OV), Thalia Movie Magic, UCI Kinowelt Friedrichshain und Zoo Palast

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