Kultur : Roy Gutman und David Rieff klären auf und klagen an

Christian Böhme

Der Mann hatte keine Chance. Die Krahn-Milizionäre zerrten den Unbewaffneten aus seinem Versteck in einem der Häuser der liberianischen Hauptstadt Monrovia. Sie hielten ihn für einen Anhänger von Charles Taylors "National Patriotic Front of Liberia", einer feindlichen Soldateska. Zehn Kämpfer trieben den Mann vor sich her und stachen mit Bajonetten auf ihn ein, bis er erschöpft zusammenbrach. Mit einer Pistole schossen sie ihm in den Rücken. Das Letzte, was er vermutlich noch sah, war Double Trouble. Der Neunjährige griff sich ein Metzgermesser und stieß es dem wehrlosen Opfer zwischen die Schultern. Als die Reporterin Corinne Dufka, die die tödliche Hetzjagd hilflos beobachtet hatte, später den zierlichen Jungen fragte, wie alt er sei, lautete die Antwort: "Alt genug, um einen Mann zu töten."

Double Trouble war 1996 einer von Tausenden Kindersoldaten in Liberia, einer von Hunderttausenden auf der ganzen Welt. Laut einem UN-Bericht über die Auswirkungen von kriegerischen Konflikten auf Kinder dienten im selben Jahr schätzungsweise 250 000 Kinder in regulären Armeen oder in anderen Streitkräften. Dabei legt die Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte des Kindes - der fast alle Mitgliedsländer zustimmten - fest, dass erst Fünfzehnjährige in den Krieg ziehen dürfen. Jüngere Kinder kämpfen zu lassen, nennt das Statut des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag ein Kriegsverbrechen.

Dennoch gibt es keinen Aufschrei in der Öffentlichkeit, keine Ächtung der Staaten, die sich dieses Verbrechens schuldig machen. Verstöße gegen das Völker- beziehungsweise Kriegsrecht wie der Einsatz von Kindersoldaten werden, wenn überhaupt, lediglich zur Kenntnis genommen. Gerade deshalb ist das von Roy Gutman und David Rieff herausgegebene Buch so wichtig. Denn es ist im besten Sinne eines, das aufklärt und anklagt, indem es auf Unrecht gegenüber Unschuldigen aufmerksam macht.

Auf 500 Seiten werden Kriegsverbrechen aller Art anhand von Fallstudien beim Namen genannt - zum Beispiel Aushungerung, Folter, Giftwaffen, "menschliche Schutzschilde", Minen, sexuelle Gewalt und Umweltzerstörung. Fast immer sind es verstörende, betroffen machende Reportagen von Journalisten. Ergänzt werden diese durch kurze, informative Artikel über geltendes Recht bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord. Das alles wäre jedoch unvollständig ohne die Fotos. Denn sie machen, soweit das überhaupt möglich ist, die Realität sichtbar.

Formaler Anlass für das Buch war der 50. Jahrestag der Genfer Konvention von 1949. Doch dahinter stehen unausgesprochen die Kriege auf dem Balkan. Kroatien, Bosnien, Kosovo - mitten im "zivilisierten" Europa gab es wieder Konzentrationslager, Massenvergewaltigungen von Frauen und "ethnische Säuberungen". Und es dauerte lange, bis sich die westliche Wertegemeinschaft dazu bequemte einzugreifen, um dieses Wüten zu beenden. Die Leidtragenden dieser Grausamkeiten waren wie immer bei Kriegsverbrechen Zivilisten. Noch im Zweiten Weltkrieg lag das Verhältnis zwischen militärischen und zivilen Opfern bei fünfzig zu fünfzig. Heute stehen zehn gefallenen Militärs neunzig Zivilisten gegenüber.

Die Autoren geben keine selbstgerechten Ratschläge, wie Kriegsverbrechen zu verhindern wären. Ihnen geht es darum, die Öffentlichkeit zu informieren. Verbunden ist damit jedoch schon die Hoffnung, dass das Bekanntwerden von schweren Verstößen gegen die Menschenrechte sich auf Kriegsschauplätze auswirkt. Gutman und Rieff halten es mit dem amerikanischen Verleger Josef Pulitzer: "Es gibt kein Verbrechen, das nicht in Heimlichkeit lebt. Wenn man diese Dinge ans Licht bringt, sie beschreibt, sie angreift, sie der Lächerlichkeit preisgibt, dann wird die öffentliche Meinung sie früher oder später hinwegfegen." Eine ehrenwerte Hoffnung. Für den Liberianer Double Trouble wird sie sich sicherlich nicht mehr erfüllen.Roy Gutman, David Rieff: Kriegsverbrechen. Was jeder wissen sollte. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/München 2000. 530 S. 48 DM.

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