Kultur : Rückblick: Kleinkunst: Witzableiter

Knud Kohr

Angespannte Erwartung herrschte am Mittwochabend im Neuen Tempodrom. Natürlich hatte es hier seit der Eröffnung schon andere Veranstaltungen gegeben, war die Silvestergala ebenso über die Bühne gegangen wie die Felix-Verleihung. Doch der erste Tag des "Maulhelden-Festivals", das bis zum 19. 2. gut 200 Wortkünstler aus knapp 20 Nationen präsentiert, schien geeigneter als Nagelprobe für das neue Haus: Kann in einem 60-Millionen-Bau mit einem Foyer, das ästhetisch streng zwischen Flugsteig und Max-Schmeling-Halle gestaltet wurde, noch Kleinkunst-Atmosphäre aufkommen? Im großen Kuppelsaal mit seinen 3500 Plätzen klappt das nicht. Der finnische Chor Mieskuoro Huutajat, der Nationalhymnen und skandinavische Kinderlieder schreit statt singt, auch Hilde Kappes mit ihren Darbietungen für Stimme, Plastikflaschen und Abflussrohr, sie brachten das Publikum hinter sich. Aber klassische Kabarettisten wie Urban Priol oder Volker Pispers? Keine Chance, Eindruck zu hinterlassen in dem riesigen schwarzen Loch, das sich vor ihnen auftat. Das gelang Ken Campbell zeitgleich in der kleinen Arena. Ein großartiger alter Solo-Komiker, der sich in seinem einstündigen Programm "History of Comedy Part one" locker durch die Entstehungsgeschichte des Pidgin-Englisch plauderte, und auch gleich den Macbeth in dieser Sklaven-Sprache gab. Wie man allerdings am besten mit den monströsen baulichen Vorgaben des Tempodrom umspringt, demonstrierte an diesem ersten Abend Harry Rowohlt. In den nur 70 Plätze fassenden Studio-Saal wollten die Veranstalter ihn pressen. Da gab er kurzerhand seinem Publikum den Befehl, sich die Stühle zu nehmen und ihm im Gänsemarsch zu folgen. Ins Foyer, wo die Lesung begeistert beklatscht stattfand.

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