Kultur : Rückblick: Lesung

Philipp Lichterbeck

"Ich war nicht ausgezeichnet!! Ich war nicht hervorragend!! Ich war monumental!! Ich war epochal!!" So brüllte der junge Klaus Kinski einmal einen Kritiker an, der ihn "nur" ausgezeichnet fand, und schmiss ihm dann die Kartoffeln seines Abendessens an den Kopf. Ben Becker ist im Freiluftkino auf der Museumsinsel nicht monumental. Aber er hat seinen Kinski gelernt. Der Schauspieler, Musiker und Barbetreiber rauft sich die blonden Haare und reißt die Arme empor. Er hat sich den predigthaften Duktus Kinskis draufgeschafft und raunt mit gefräßiger Stimme die Wahnsinnsverse Kinskis ins Mikrofon. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Becker gerne so wäre wie Kinski. Becker trägt frühe Gedichte des Schauspielers vor, die erst kürzlich unter dem Titel "Fieber - Tagebuch eines Aussätzigen" erschienen sind. Neubautler Alexander Hacke legt elektronische Klangteppiche darunter. Das alles wirkt wie die Apotheose eines Egomanen. Das "K" der Aufschrift "Der Deutschen Kunst" unter dem Giebel der Nationalgalerie wird von einem Scheinwerfer angestrahlt, auf der Empore des Museums steht ein Foto, von dem der hypnotisierend gut aussehende Kinski herunterstarrt: In jüngster Zeit hat wohl keine Literaturlesung so viel Publikum angezogen. Obwohl es bei Kinski-Autritten oft handfesten Aufruhr gab, wissen die Leute heute nicht mehr, was sie mit dessen verzweifelt-cholerischen Schreiereien voller Obszönitäten und verbalen Kriegserklärungen anfangen sollen. An Becker liegt das nicht. Der ruft wuchtig: "Ach! Wusstet ihr nicht wie schwer es ist, wenn man gehenkt ist und nicht sterben kann?" Nein, woher auch?

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