Kultur : Rückblick: Nachbarschaft: "301/302" im Bunker (Theater)

Philipp Lichterbeck

301 kocht, 302 kotzt. 301 mag Sex, 302 Bücher. Sie sind Nachbarinnen, wohnen Tür an Tür. Zwei junge, moderne Frauen, deren Leben sich ums Essen respektive die Nahrungsverweigerung dreht. Beider Verhältnis zum Essen ist pathologisch, aber repräsentativ: Die eine Frau steht für die Sinnlichkeit. Die andere ist unfähig, körperliche Freuden zu empfinden. Das Post Theater lässt beide im Bunker aufeinandertreffen, open Air und in Englisch (Albrechtstraße Ecke Reinhardtstraße noch bis Dienstag, 21 Uhr). Wie bei der Theatergruppe um Regisseur Max Schumacher üblich, handelt es sich bei "301/302" um die Adaption eines Films. Der war in Korea ein Riesenerfolg. Es ist dort ungewöhnlich, wenn Frauen alleine wohnen. Wenn sie sich dann auch noch übergeben, ist der Skandal perfekt. Für den Europäer sind eher die knalligen Farben des Films skandalös, der im Anschluss an das Stück gezeigt wird. Schumacher hat die Mittel dagegen reduziert. Ein Metallregal, zwölf Eimer, eine weiße Wand, dazu sparsam eingesetzte Videoprojektionen. Eigentlich passiert auch nichts auf der Bühne, einzig, dass 301 und 302 erzählen, warum sie geworden sind, wie sie sind. Das tun die beiden koreanischen Darstellerinnen Haerry Kim und Ji-Young Kim aber so ernsthaft und liebevoll, dass der Konflikt zwischen Physis und Ratio zwar exemplarisch, aber immer im Leben ausgetragen wird. Das Post Theater bezeichnet sich als dezentralisiertes Kunst-Kollektiv, dessen Mitglieder die geographische und ethnische Verwirrung teilen. So viel Hochtraberei hat man gar nicht mehr nötig.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben