Kultur : Rückblick: Rock: Heiliger Hendrix

H. P. Daniels

Jeff Beck zählt seit den 60ern neben Clapton und Page zur Dreifaltigkeit britischer Gitarrengötter. Nach über zehn Jahren Pause ist er zurück mit "You Had It Coming". In die Columbiahalle kommt der 57-Jährige offenbar direkt aus dem Jungbrunnen: schlank und jugendlich, mit dichten dunklen Haaren. Passend zum schwarzen Trägerunterhemd und zur sandfarbenen Wüstenhose lässt er seine weiße Stratocaster orientalisch quäken wie die Holztröten von Joujouka. Es jault, kreischt, wimmert aus den drei großen Marshall-Verstärkern. Beck macht Töne sichtbar: hebt sie hoch, schwenkt sie durch die Luft, und stemmt sie der hübschen Gitarristin Jennifer Batten entgegen. Schwerer Stahl wird butterweich. Vom Inferno zum Wispern. Links tänzelt ein Bassist wie ein junger Boxer. Hinten schlägt der Drummer zu: präzise auf den Punkt. Drahtiger Funk, Buppern, Reggae. Da kommt ein herrenloser Keyboardteppich geflogen, und irgendwo muss jemand eine Konserve mit Loops aufgemacht haben. Becks Gitarre spricht dazu. Gluckst, schlürft, hechelt, rülpst. Da wirkt jeder Anflug von melodischem Wohlklang fast schon kitschig. Beck sagt nichts. Die Gitarre sagt alles. Drückt jede Stimmung aus: von warm bis cool. Vielleicht würde so Hendrix spielen, wenn er noch lebte. Von wem sonst würde man ein neunzigminütiges Gitarrensolo ertragen? Und es endet mit einer traumhaften Interpretation des Beatles-Songs "A Day In The Life".

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