Kultur : Rückblick: Tanz I: Im Getümmel

Inka M. Lehmann

Eine Tänzerin steht allein auf der leeren Bühne. Langsam teilt sie ihre langen Haare und dreht zwei schwarze Zöpfe vor der Brust. Ein kurzer, poetischer Moment und plötzlich meint der Zuschauer, eine Chinesin zu sehen. Exotische Klischees mit vorgefassten Meinungen zu konfrontieren, ist eine erklärte Absicht von "Duty Free", der neuen Produktion der Berliner Tanzcompagnie Rubato. Doch Absichtserklärungen im Tanztheater entsprechen eher selten dem Dargestellten. So auch hier, die Vorstellung im Theater am Halleschen Ufer weist - abgesehen von einigen kurzen Szenen - weder in politische noch in ethnische Regionen ( weitere Vorstellungen: heute und am 23.1. um 20 Uhr ). Momente, die über die blanke Darstellung hinausgehen, sind selten. Das hat etwas Sportliches. Die Tänzer verharren in imaginären Startlöchern, laufen, einander ablösend, im Kreis wie bei einem Staffellauf oder jagen hintereinander her, als handelte es sich um Rugby-Spiel. Sie vollführen eine Kür wie Bodenturner, machen Hebungen und Sprünge wie Eiskunstläufer oder stilisieren Kampfsportarten - das alles bis zur Erschöpfung. Bewundernswerte körperliche Leistungen, denen der Zuschauer allerdings distanziert folgt, weil sie ihm weder emotional noch intellektuell etwas vermitteln. Es wird erzählt, gewiss, aber ohne Geheimnis. Schade, denn andeutungsweise werden in den vom Kraftakt überschwemmten Bildern tiefere Muster erkennbar. Was Rubato zeigt, birgt Möglichkeiten: begabte Tänzer (Daelik, Jarmo Karing, Anna-Liisa Lepasepp, Zhou Niannian, Shi Xuan und Dieter Baumann), interessante Musik, die ausschließlich auf Körpergeräuschen und Stimmen basiert (Lutz Glandien). Aber die Choreographin Jutta Hell macht einfach nicht genug daraus.

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