Kultur : Rückblick: Tanz II: Im Haar

Denise Dismer

Wie in sexueller Erregung reiben sich die sechs Tänzer an den Holzhäuschen, schnalzen, pfeifen, wispern, klopfen. In den Verschlägen befinden sich die meist geliebten Lebewesen: Katzen, Hunde, Kaninchen, Fische und Vögel. Und wider die Erkenntnis "Mit Essen spielt man nicht" haben die Tänzer der MS Schrittmacher genau das vor. Ihr Liebesbedürfnis ist ausschließlich auf das Tier gerichtet und deshalb sind sie nicht aufzuhalten, als einer der Holzverschläge aufbricht und ein Fellteppich über die Bühne im Dock 11 ( bis zum 27.1., 20 Uhr 30 ) rollt. Nacheinander robben sie über das flauschige Kunstfell, schmiegen sich innig an die Teppichwolle. Eine Frau wälzt sich darüber, führt mit graziösen Bewegungen einen sinnlichen Tanz vor und bald ist ihre schwarze Unterhose so von braunem Kunsthaar bedeckt, dass sie ihrem Objekt der Begierde immer ähnlicher wird. Doch das ist erst der Anfang: Wenn das Haustier zur Projektionsfläche unterdrückter Bedürfnisse wird, dann richtet man sich sein Wohnzimmer im Dalmatinermuster ein und bereitet seinem Liebling "Kaukasische Gemüsekörbchen mit Hackfleischbällchen" zum Abendessen. Und wenn Vierbeiner die einzigen Familienmitglieder sind, verlieren gesellschaftliche Konventionen an Bedeutung. "Ich liebe sie und ich würde mit ihnen eine noch stärkere Bindung eingehen, wenn das Gesetz es erlaubte", lässt ein Hundebesitzer verlauten. Die Tänzer paraphrasieren das Verhältnis Mensch-Tier, laufen auf allen Vieren über die Bühne, kraulen sich die Bäuche, schlackern mit den Lefzen, tätscheln sich die Köpfe und reiben sich die Nasen. Und was passiert, wenn ein Mensch die uneingeschränkte Liebe zum Tier nicht teilt? Es kommt, wie es kommen muss: "Entweder der Hase oder ich!", ist das Dilemma schnell entschieden. Doch soviel sei verraten: Auch für den Hasen nimmt der Tanzabend kein gutes Ende - sein Frauchen hat ihn einfach zum Fressen gern.

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