Kultur : Rückblick: Theater

Doris Meierhenrich

Durch seinen Kopf spuken viele Geschichten, regennasse Nachtgeschichten, die als Alpträume vom Tag direkt in ihn hineinregnen, wenn er durch die Straßen streift. Geschichten von Hotelzimmern, die sein Zuhause sind, von einer Geliebten, die auf Brücken lebt und verschwindet, von einer Nutte, die Friedhofserde isst, um zu sterben, von Muttersöhnchen, die aus Angst Macker werden, von Schwachköpfen, die sich rumkommandieren lassen und schweigen, von einem General, der einen Wald umzingeln und alles darin erschießen lässt, was sich anders bewegt als der Wald. Und weil all diese Geschichten von innen seinen Kopf ausfressen, hält der Fremde eines Nachts einen anderen an. Hier beginnt der verbitterte, zarte, stotternde Monolog "Die Nacht kurz vor den Wäldern", mit dem Bernard-Marie Koltes 1977 sein Dramatikerdebut gab. Ein Selbstgespräch, das versucht, still zu stehen, Dialog zu werden, aber immer nur weiter läuft im Regen der Umschreibungen, des Allesmeinens. Das, je mehr es erklärt, sich in sich selbst verstrickt. Wie zum Trotz hat Regisseur Thomas Hechelmann nun genau diese Vergeblichkeit im Stükke Theater inszeniert: den Willen zum Gespräch (bis 1.9. freitags und samstags, 20 Uhr 30). Die Zuschauer sitzen an Clubtischen, eine Gastgeberin geht herum und fragt nach dem Befinden bis plötzlich einer der Gäste schüchtern trotzig den Fremden aus der Deckung hebt und das Wohlgefühl wegspuckt. Robert Arnold macht jeden an. Er spielt einen Proll, einen Macker mit Goldkette und Glatze, redet schnell und aufbrausend und bohrt seine verängstigten Blicke tief in jeden hinein. Auch wenn das alles leicht in Bierpredigt abrutscht, diesem Rebell wird man, ohne es zu wollen, Kamerad.

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