Kultur : Rückblick: Woman in black: Ewa Kupiec im Kammermusiksaal (Klassik)

Felix Losert

Das silbrige Licht des Sonntagnachmittags verlässt die Konzertgänger nicht, als sie den Kammermusiksaal betreten. Es durchflutet das Foyer. Drinnen, im kunstbelichteten Konzertsaal, beginnt Ewa Kupiec ihr Recital aus dem Dunkelsten der Musik heraus mit Chopins zweiter Sonate. Schon brodelt nachtschwarzes b-moll, und die Pianistin stemmt dem angsterfüllten Vorwärtshasten im Kopfsatz immer wieder mutig Akkordtürme entgegen. Aber erst bei den unendlichen Melodien im Zentrum der Mittelsätze scheint sich ihre Stimme mit der ihres polnischen Vorfahren zu vereinigen: In ihrer atmenden Phrasierung werden aus schüchternen Regungen blühende, zuversichtliche Schöngesänge. Noch einmal muss Kupiec den Trauerkondukt vorbeischreiten lassen, und da entscheidet sie sich, das Finale als heftiges Gewitter zu entwerfen, bei dem Einzelheiten der einheitlichen, verzweifelt-fluchtartigen Geste geopfert werden. Kaum zu glauben, dass da noch Trauerarbeit übrig bleibt, aber Kupiec richtet mit Aplomb Liszts "Funerailles" auf, deren extrovertiertes Pathos die Begräbnis-Visionen Chopins noch übertreffen möchten. Dann, nach der Pause, der Rückzug ins Private. Janácek hat die Klavierstücke, die unter dem Titel "Auf verwachsenem Pfad" gespielt werden, für so intim gehalten, dass er sie nicht einmal alle veröffentlichen wollte. Kupiec webt aus Janáceks simplen Figurationen samtene Klangteppiche und legt darüber die mit voller Stimme gesungenen mährischen Lieder. Und sie weiß deren Spannung bis zum letzten Ton zu halten - auch wenn immer wieder angstvolle Gebärden dazwischenfahren. Um ihre Zuhörer aber nicht verstört zu entlassen, verleiht Kupiec Janáceks musikalischen Alltagserlebnissen mit dem Pedal einen warmen Ton, der letzte Harmonie sichert.

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