Kultur : Rückschau: Kuschel (Musiktheater)

Carsten Niemann

Die Deutsche Erstaufführung eines Theaterstücks von Paul Auster? Fast automatisch weckt die Ankündigung dieser dänischen Produktion, die erst Ende Januar in Kopenhagen uraufgeführt wurde, hohe Erwartungen - und falsche. Denn "Hide and Seek", das im Hebbel-Theater gastiert (noch einmal: heute um 20 Uhr), ist ein recht frühes, experimentelles Werk des weltbekannten Schriftstellers ("New York Trilogie", "Leviathan") und Drehbuchautors ("Smoke", "Blue in the Face"). Deutlich hat Samuel Beckett bei dem 1976 entstandenen Kammerspiel Pate gestanden.

Der Text sieht nur zwei Personen vor: einen Mann und eine Frau, buchstäblich eingesperrt in ihrer Beziehungskiste, am Ende ihrer Worte, am Rande des Absurden - oder womöglich schon einen Schritt darüber hinaus. Für ein "Endspiel light" möchte man es halten und doch zugestehen, dass die Leichtigkeit nicht die geringste, sondern eher die originärste Qualität des jungen Auster war. Ungleich den Beckettschen Figuren hat sich der Mülleimerdeckel noch nicht gänzlich über diesem Paar gesenkt; immer wieder driftet der Dialog ab zu vitalen Sprachspielereien und zu Fragmenten des alltäglichen unersättlichen Beziehungs-Hickhacks.

Andererseits ist Austers Text bei dieser Aufführung kaum selbst inszeniert worden, sondern dient vielmehr als Material einer Neu-Konzeption. Denn zu Rolf Heims Regie gehörte es, dass neben den beiden Schauspielern (Charlotte Munksgaard, Pauli Ryberg) noch die zwei Tänzer (Tina Højlund und Timothy Le Roux) sowie ein Sängerpaar auf der Bühne stehen. Mal zeitgleich, mal versetzt, mal doppelnd, mal neu nuancierend, präsentieren sie fortlaufend Deutungsangebote dessen, was von dem Paar ausgesprochen wird. Dafür hat der Jazzkomponist Michael Mantler eine unaufdringliche Musik geschrieben, die sich - vom Tonband - nur gelegentlich mit sentimentalen Akkordeon- und psychedelischen E-Gitarren-Farben aus ihrer tapetenhaften Zurückhaltung löst. Ein neues Ganzes, das mehr ist, als die Summe seiner Teile?

Fast mochte es so scheinen. Den zu Anfang in puppenhafter Erstarrung verharrenden Schauspielern setzen die Tänzer (Choreografie: Tim Feldman) ihr Pas-de-Deux entgegen: Ihre kraftvolle Bewegtheit, die sich dennoch stets in seltsamer Enge auf den eigenen Körper zu beschränken scheint, nimmt bereits die wortreiche Kommunikationslosigkeit der späteren Szenen vorweg. Die dritte Ebene, das gesungene Wort, will sich jedoch weniger glatt in das Konzept einfügen: Zu rezitativisch, sprachlich zu sehr ausgespreizt wirken die Melodien, die Susi Hyldgaard und Per Jørgensen singen. Das ist zu wenig, um neben Schauspiel und Tanz bestehen zu können. (Dies gelingt viel eher Esben Slotmann Jensens Lichtregie, die dem grünlich tapezierten Bühnenraum mit der nackten Glühbirne eine staunenswerte Vielfalt an Stimmungen abringt).

Doch die verzahnt-vereinten Künste können den Verdacht nicht ganz bannen, letztlich doch nur eine modische Zutat zu sein in einem Stück, das in seiner Paarfixierung wie in seiner Beckettschen Spartanik womöglich schon ein wenig Staub angesetzt hat. Denn Austers Blick richtete sich schon früh auf jene Geschichten des Alltags, in denen seine Figuren ein mysteriöses Eigenleben entwickeln und fast zu lebendig werden, als dass sie sich auf Dauer damit begnügen könnten, abstraktes Spielmaterial zu sein.

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