Kultur : Rückzug ins Kinderzimmer

KATRIN BETTINA MÜLLER

Seine Lieblingsszenerie war das Paradies: Da sah er sich im Grase liegen und malen, als Zuschauer hinter sich friedlich die Rassen vereint, Schwein und Löwe, Indianer, Chinese und Schwarzer, und vor sich, beim Malen mit dem Fuß zu schaukeln, ein Kind in der Wiege.1922 zeichnete Walter Trier diese Vision vom Künstler in Arkadien als Buchumschlag für "Triers Panoptikum".

Das kritische Element war nicht sein Fall.1890 in Prag geboren, begann er zwar schon mit knapp zwanzig als Pressezeichner für die "Lustigen Blätter" und die "Berliner Illustrirte Zeitung" zu arbeiten und sich am Zeichentisch Reisen durch die ganze Welt zu imaginieren.Da ging er mit folkloristischen und nationalen Klischees durchaus liebenswürdig um.Im Ersten Weltkrieg aber spitzte sich sein Stil auf Feldpostkarten, in "Bunten Kriegsbilderbögen" und Werbegraphiken für "Kriegsanleihen" in Karikaturen der Nationalcharaktere zu, die durch die Kommentare der Redakteure zu patriotischen und rassistisch diffamierenden Witzen wurden.

Die Rettung kam mit "Fridolin" und den Kinderbüchern.Kinder aus aller Welt sitzen jubelnd auf dem langen Rücken des "Siebenmeilenpferds".Wie Triers Helden auch heißen mögen: Für ihre Abenteuer nimmt er den ganzen Erdball noch einmal in den Blick und entlarvt die Klischees als Angstmacher.In den Kinderbüchern erhält sein Stil, in dem vorher viele Stereotypen rumorten, die klare, weich fließende Konturierung und kräftige Farbigkeit.Als er 1926 für die Zeitung "Uhu" sein Paradies vorstellen soll, zeichnet er einen von vierzig oder fünfzig kleinen Kindern wimmelnden Tisch und sich selbst als vorsitzenden Vater.Er hatte eine Tochter.

Und er hatte Erfolg.Die Ausstattung einer Charell-Revue, für die er einen ganzen Spielzeugladen belebte, wurde so gut bezahlt, daß er sich davon ein Haus in Berlin-Lichterfelde kaufen konnte.Aber trotz seiner großen Produktivität würde sich heute fast kaum jemand an ihn erinnern, hätte er nicht 1927 begonnen, mit Erich Kästner zusammenzuarbeiten."Parole Emil!" Befreit die Kunst aus den Vitrinen! Wer nun hofft, noch einmal Konrads Ritt über den Äquator im "35.Mai" nachschlagen zu können, oder sich auf eine Wiederbegegnung mit Gustav mit der Hupe freut, wird in der Ausstellung der Kunstbibliothek bitter enttäuscht.Nur die Buchumschläge hängen an der Wand, nichts zu lesen und zu schmökern gibt es.Trostlos sieht es aus, wenn sich die Wissenschaft denn einmal herabläßt, sich mit einem Kinderbuchillustrator zu befassen.

1933 werden seine Kästner-Bücher auf dem Berliner Opernplatz verbrannt, 1936 verlor Trier sein Haus, seine Wandbilder im Kabarett der Komiker wurden zerstört.Trier emigrierte nach England und nahm als passionierter Spielzeugsammler seine Sammlung mit.Auf den 150 Umschlägen, die er in England für die Zeitschrift "Lilliput" entwarf, findet man sie wieder.Für Flugblätter, die das britische Informationszentrum über von Deutschen Truppen besetzten Gebieten abwerfen ließ, zeichnete er Karikaturen auf Hitlers Politik.

Doch besser gelangen ihm tanzende Krokodile, Tennis spielende Affen, ein Flamingo-Ballett und Klarinettisten, die auf ihrer Nase spielen: Wen wundert es da, daß Trier 1939 ein Angebot von Walt Disney erhielt.Er schlug es aus, weil er seine Autorschaft nicht zugunsten des Disney-Labels aufgeben wollte.

1951 starb Trier, inzwischen nach Kanada umgesiedelt, an einem Herzschlag.Auch auf dem neuen Kontinent hatte er als Werbegraphiker schnell Fuß gefaßt.Mit der Illustration von Kästners "Konferenz der Tiere" kam er noch einmal auf sein Lieblingsthema, das friedliche Zusammenleben, zurück.Die Kunstbibliothek hat sich mit ihrer Ausstellung, zu der ein Heft des Museumspädagogischen Dienstes erscheinen soll, an die Aufarbeitung seiner Geschichte gemacht.Denn obwohl es in Plakaten, Büchern und Reklame viele Zeugnisse seiner Arbeit gibt, wurde er als Künstler kaum beachtet.Leider fehlt diesem ehrenwerten Anliegen der Pfiff, auch Triers liebstes Publikum, die Kinder, anzusprechen.

Kunstbibliothek, Matthaikirchplatz, bis 28.Februar.

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