Kultur : Rüdiger Schapers Entdeckung einer Theater-Legende

Peter von Becker

Das reicht hinaus über eine gewöhnliche Künstler-Biographie. Rüdiger Schaper, Feuilletonredakteur des Tagesspiegel, hat mit seinem Buch "Moissi. Eine Schauspielerlegende" einen Lebens-Roman erzählt, in dem sich Weltgeschichte, Einzelschicksal und Kulturhistorie zu einem Bild des Epochenwechsels vereinen. Im Mittelpunkt steht Alexander Moissi, 1879 in Triest geboren, 1935 in Wien gestorben. Dieser Italiener mit wilden, wahrhaft europäischen Wurzeln, die von Albanien über Italien bis nach Berlin reichten, die Judentum, oströmische Kirche und Katholizismus verbanden, er war als Nachfolger von Josef Kainz ein König nicht nur des deutschsprachigen Theaters. Mit seinen Paraderollen als Hamlet, als Oswald in Ibsens "Gespenstern", als Fedja, Tolstois "Lebendem Leichnam", und als erster Salzburger und bald auch weltweiter Jedermann eroberte er die Bühnen von Wien und Berlin bis nach New York, von Rio bis Rom, von Prag, wo ihn Kafka erlebte und hellsichtig beschrieb, bis Sofia und Moskau. Moissi war Max Reinhardts Protagonist - und er war, wie Schaper glänzend und mit großer Lebendigkeit beschreibt, neben Caruso, Rudolph Valentino und dem Tanzgott Nijinski: der erste Popstar der Geschichte.

Seine Lebenskerze von zwei Enden verbrennend, hetzte Moissi als Welttheaterreisender um den Globus, tausende Meilen, tausend Frauen verbrauchend, in Flugzeugen, Eisenbahnen, auf Atlantikschiffen unterwegs: ein Mann der Moderne. Und bald ein Mythos, wie einst Sara Bernhardt und Eleonora Duse.

Schaper hat aus den seltenen Dokumenten auch ein paar dramaturgisch pointierende Fotos gewählt. Gleich zum Auftakt - über einem Zitat von Ernst Lubitsch: "Herr Moissi, erlauben Sie, dass ich Sie umarme, damit die Leute denken, ich bin auch jemand" - zeigt ein Bild den Schauspieler auf dem Heckflügel einer frühen Passagiermaschine, mit windzerzauster Mähne neben dem Kranich-Zeichen der Lufthansa, und in strahlend ausholender Geste scheint Moissi vom Luftschiff herab die ganze Welt zu grüßen. So führt Schaper seinen Helden gar nicht auf der Bühne ein, sondern nennt ihn mit der Überschrift des ersten Kapitels "Alexander Moissi, das Phantom des 20. Jahrhunderts".

Dies wirkt überraschend, da Moissi ja eine tatsächlich von fern her noch hinüberklingende "Schauspielerlegende" ist und man ihn nicht, noch nicht, in der medialen Allgegenwärtigkeit vermutet. Trotzdem hatte er als Darsteller und Rezitator es gleich einem Popsänger geschafft, über alle Sprachgrenzen hinweg mit seinen greatest hits (Hamlet, Fedja, diversen Balladen) die größten Säle in Europa und Amerika zu füllen. Seine Aura bezauberte die Frauen. Dieses Buch bezaubert die Leser.Rüdiger Schaper: Moissi. Triest, Berlin, New York - Eine Schauspielerlegende. Argon Verlag. Berlin 2000, 256 Seiten, 39,80 Mark

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