Kultur : Ruhrpottbande

Marc Degens’ Roman „Das kaputte Knie Gottes“.

Lina Kokaly

Mark schenkt Dennis zum Beweis ihrer Freundschaft einen Betonmischer. Liebevoll säubert er ihn erst und rollt ihn dann durch das halbe Ruhrgebiet ins Frauenhaus, in dem Dennis seine erste Ausstellung eröffnet. Dennis ist Bildhauer. Er stellt riesige Gliedmaßen aus Beton her, die so einfallsreich betitelt sind, wie „Fuß ohne Meinung“ oder „Das kaputte Knie Gottes“. Allerdings ist das „Leben als vierundzwanzigjähriger Bildhauer in Bochum-Wattenscheid ebenso traumhaft wie der Aufstieg eines Armlosen in die Top Ten der Tennisweltrangliste“. Daher müssen die Freunde mit der zupackenden Lily, in die beide verliebt sind, die Sache mit der Popularität selbst in die Hand nehmen.

Marc Degens erzählt in seinem unterhaltsamen Roman von einer Männerfreundschaft im Ruhrpott. Die Freunde werden erwachsen und lernen, mehr oder weniger, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Während Dennis sich gegen das Studium und für die Kunst entscheidet, scheitert Mark mit einem Romanmanuskript. Dennis verbringt seine Nächte am Betonmischer, Mark in den Betten verschiedener Frauen.

„Das kaputte Knie Gottes“ lebt vor allem von Marc Degens ausgefallenen Pointen. Bevor die Kunst das Leben finanziert, jobbt Dennis bei jeder Gelegenheit. Als Kartenabreißer im Pornokino verfolgt er ein Streitgespräch zwischen zwei Zuschauern – erinnert der Porno mit dem Titel „Bocksprünge“ eher an Fassbinder oder an David Lynch? Frei nach dem Motto, das sich eine der Figuren bei Paul Watzlawick leiht, „wenn man nur einen Hammer hat, sieht alles aus wie ein Nagel“, kämpfen die jungen Männer für den Erfolg von Dennis’ Kunstobjekten. Denn „früher wurde im Ruhrgebiet Kohle abgebaut und heute Kultur“. Sie versuchen, Betonblumen auf einer Fossilien-Messe zu verkaufen, einen riesigen Beton-Penis in die Bochumer Innenstadt zu transportieren, posieren für ein Erotikmagazin.

Marc Degens ist Programmleiter des Sukultur-Verlags und Herausgeber der kleinen, gelben Büchlein, die in Automaten auf Berliner S-Bahnhöfen neben Chips und Schokoriegeln angeboten werden. Außerdem ist er Macher des Online-Feuilletons „satt.org“ und Lektor jenes Buches, aus dem Helene Hegemann sich für ihren Skandalroman „Axolotl Roadkill“ bediente, Airens „Strobo“.

2010 erschien von ihm eine Sammlung erfundener Romanbeginne, „Unsere Popmoderne“, eine spitze Parodie des Literaturbetriebs. Dort bewies Marc Degens, dass er viele Genres atemberaubend gut nachahmen kann. Spätestens als Mark und Dennis in Berlin in einen ans „Berghain“ erinnernden Club gehen und der Namensvetter des Autors verschiedene Drogen ausprobiert, fühlt man sich mitten in Airens „Strobo“ versetzt. Trotzdem verlieren die beiden Freunde sich nicht im Techno-Space. Ihrer juvenilen Illusionen sind sie nämlich schon vorher verlustig gegangen. Lina Kokaly

Marc Degens: Das kaputte Knie Gottes. Roman. Knaus Verlag,

München 2011.

256 Seiten, 17,99 €.

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