Kultur : Runde Sache

KONZERT

Christiane Peitz

Bloß keine Kanten. Bernhard Haitink rundet die Ecken ab, fängt die Schlussakkorde mit weichem Zugriff ab und nimmt sich die zarten Stellen zu Herzen. Die zerfaserte, zerfallende Coda des Kopfsatzes. Die innigen Streicher im Adagio, das zarte Fugato im Finale. Und die Pausen, das jähe Reißen des Bruckner-Sounds: bei Haitink ist’s eher ein sanftes Innehalten, eine Art Luftnummer. Ja, am schönsten dirigiert Haitink die Pausen.

Ein wenig ungerührt wirkt das dennoch – und etwa im sportlichen Scherzo seltsam unkonzentriert: Schwächelnde Hörner und Tuben der Berliner Philharmoniker zeugen davon. Unkonzentriert, weil Haitink, bewährter Routinier der Spätromantik, keine Haltung erkennen lässt zu Anton Bruckners 8. Sinfonie : Dieses 80-Minuten-Monstrum treibt in seinen unendlichen Sätzen alles ins Extrem – vom Kernmotiv bis zur Großarchitektur. Wofür interessiert sich Haitink: für die Abstraktion, Bruckners Experiment mit der Unmöglichkeit der symphonischen Form? Für den Moment, in dem die Musik den Glauben an sich selbst verliert und sich auf das Immergleiche und seine minimalistische Variation einschwört? Für das Scheitern der Melodie, die kaum dass sie anhebt, in die nächste Katastrophe oder Apotheose schliddert – ein Phönix aus der Asche nach dem anderen, die vergeblich ihre Schwingen auszubreiten versuchen? Für den modernen Bruckner mit seinen grenzgängerischen Dissonanzen? Das Klangfarbenspiel? Alles mehr zu ahnen als zu hören. Stattdessen Bruckner, wie er euch gefällt: keine schroffen Blöcke, sondern ein pulsierendes c-moll-Kontinuum – die Achte als langer, beinahe ruhiger Fluss.

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