Russische Musikabende mit Sokhiev und Kitajenko : Fast möchte man sagen: groovy

Sehnsuchtsklang: zwei russische Musikabende mit Tugan Sokhiev in der Philharmonie und Dmitrij Kitajenko im Konzerthaus.

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Bei der Arbeit: Gastdirigent Dmitrij Kitajenko im Berliner Konzerthaus.
Bei der Arbeit: Gastdirigent Dmitrij Kitajenko im Berliner Konzerthaus.Foto: Konzerthaus Berlin/Dan Hannen

Zwei große Berliner Orchester legen im Abstand von einem Tag rein russische Programme auf, die sich auch noch ähneln, beide mit Dirigenten aus der Ex-Sowjetunion. Zufall? Oder doch Ausdruck eines ensembleübergreifenden Wunsches? Wollen da Kunstschaffende demonstrieren, dass Russland nicht nur, wie in letzter Zeit, Kampfjets über die Grenzen schickt und zweifelhafte Volksentscheide in anderen Ländern veranstaltet, sondern dass es – und das schon viel länger – auch Besseres exportiert hat: große Musik, die westliche Konzertsäle seit jeher bereichert?

Tugan Sokhiev wartet in der Philharmonie andächtig lange, bevor er die Arme hebt und die Bässe der Berliner Philharmoniker leise zu grummeln beginnen, kurz darauf bringt sich die Harfe mit zarten Wellenbewegungen ein. Anatoli Ljadows „Verzauberter See“ ist ein irisierendes Klanggemälde, dessen Wirkung auf der spürbaren Abwesenheit von Menschen beruht, die Unordnung, Emotion ins Klanggewebe bringen könnten. Es ist reine, kalte, prachtvolle, „böse“ Natur, wie der Komponist schreibt – aber, ach!, es dauert nur acht Minuten. Ljadow war notorisch bequem, seine Faulheit dürfte der Grund dafür sein, dass sein schmales Œuvre heute nahezu unbekannt ist. Immerhin – er hat Prokofjew unterrichtet, dessen zweites Violinkonzert gleich im Anschluss erklingt.

Ein Strich Melancholie bei Vadim Gluzman

Vadim Gluzmans Strich ist feinherb mit einem Stich ins Melancholische, nicht glamourös, dafür ehrlich, bodenständig, wehmütig. Sokhiev lässt der Musik mit weichen, offenen Bewegungen reichlich Raum zum Atmen, erst im motorisch vertrackten Finalsatz wird er gestisch deutlicher. Dann Schostakowitsch, 5. Symphonie: Wie konnte je ein sowjetischer Funktionär dieses Werk als „Rückkehr“, als Glorifizierung des Sozialismus missverstehen? Die Fratzen, Parodien, grellen Verdrehtheiten, die Sokhiev und die Philharmoniker wie auf dem Labortisch ausbreiten, das anklagend leere Getöse, es springt dem Hörer doch geradezu ins Gesicht. Ergreifend, in welch dunkel dräuende Tiefen die Celli sich dafür im Largo schrauben, dem einzigen Satz, in dem Schostakowitsch einem authentisch leidenden Ich gestattet, sich auszusingen.

Anderer Ort, anderer Tag – gleiches Stück. Auch Dmitrij Kitajenko lässt im Konzerthaus das Konzerthausorchester Ljadows „Verzauberten See“ spielen, ähnlich andächtig und gelassen wie Sokhiev hebt er die kostbaren Farbmischungen an die Oberfläche. Und zeigt doch gleich danach mit dem knalligen Hexentanz der „Baba-Yaga“, dass Ljadow auch ganz anders komponieren konnte. Dann wieder Schostakowitsch, 6. Symphonie: der gleiche gewollte Lärm, die gleiche Doppelbödigkeit, nichts kann man bei diesem Komponisten für bare Münze nehmen.

Kitajenko führt seine Musiker souverän durch Tschaikowskys „Capriccio Italien“

Bei Reinhold Glière hingegen schon: Sein Harfenkonzert, wie die Schostakowitsch-Symphonien auf dem Höhepunkt der stalinistischen Terrorkampagnen entstanden, sehnt sich naiv und unterkomplex nach einer heileren, glücklicheren Gesellschaft. Ronith Mues, Solo-Harfenistin des Konzerthausorchesters, setzt trotzdem tapfer prägnante Akzente, zupft die schönen Kadenzen mit der Festigkeit plätschernder Regentropfen, Kitajenko bettet sie weich auf dem Orchestertutti. Mit bewundernswürdiger Souveränität führt er die Musiker, deren erster Gastdirigent er ist, schließlich durch Tschaikowskys „Capriccio Italien“: ein fein der Partitur abgelauschter, wendig-schlanker, herrlich homogener Klang, ein großer Abend fürs Blech, die Perkussionisten kommen punktgenau, die Streicher sind sämig, fast möchte man sagen: groovig.

So entsteht, im Breitwandformat, das Klanggemälde eines russischen Romantikers, der seine Sehnsuchtsblicke auf ein wärmeres Land wirft, in dem er viel Zeit verbracht hat. Jubel im Großen Saal. Zwei Abende, zwei glückliche Konstellationen, die alles Politische, alle Krisen verdrängen, für einen Augenblick.


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