• Russland: Importverbot nicht für Alkohol: Ohne Wodka fürs Volk wäre Putin raus aus dem Kreml

Russland: Importverbot nicht für Alkohol : Ohne Wodka fürs Volk wäre Putin raus aus dem Kreml

Das russische Importverbot für Grundnahrungsmittel gilt ausdrücklich nicht für Alkohol. Sind Spirituosen dort wichtiger als Brot? Wodka gehört zur russischen Kultur, heißt es. Aber im Alltag zerstört er die Menschen. Ein Kommentar

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Hamstern, bevor der Wodka wieder teurer wird. Männer vorm Spirituosenladen einer Moskauer Schnapsfabrik.
Hamstern, bevor der Wodka wieder teurer wird. Männer vorm Spirituosenladen einer Moskauer Schnapsfabrik.Foto: dpa/Archiv

Ist Alkohol ein Grundnahrungsmittel? Im Prinzip nein. Sehr weitherzig ausgelegt, ließe er sich immerhin, zumindest als fernes Derivat, hinzuzählen. Wird doch Bier nicht nur aus dem Hanf verwandten Hopfen, sondern auch aus bodenständig getreidehaltigem Gerstenmalz gebraut, Schnaps aus Korn, Kartoffeln, Reis oder auch Obst gebrannt, und auch der hochkulturell besonders geschätzte Wein wäre ohne den Gärungsprozess der Traube – zwar kein Grundnahrungs-, wohl aber ein Lebensmittel – nicht denkbar.

In Russland dagegen scheinen derlei terminologische Zweifel nicht zu zählen. Als der Putin-Staat soeben zwecks Sanktionen-Konter den sofortigen Importstopp von Nahrungsmitteln bekannt gab, standen auf der Liste zwar Fleisch, Fisch, Käse, Milch, Obst und Gemüse; zugleich aber wurde allenthalben streng nachrichtlich ergänzt, Alkohol bleibe – neben Babynahrung (!) – vom Embargo ausgenommen. Na sdorowje! Sollte es sich beim Wodka und ähnlich höherprozentigen Wässerchen folglich gar um so etwas wie ein Überlebensmittel handeln für die knapp 150 Millionen Russen zwischen Smolensk und Wladiwostok?

Die Lebenserwartung der russischen Männer? 64 Jahre

Liest man sich allerdings ins Thema ein, verfliegt bald der Impuls zum Lustigsein. Wegen des maßlosen Saufens – mit knapp 16 Litern reinen Alkohols pro Person und Jahr liegt Russland hinter Moldawien, Tschechien und Ungarn auf Platz 4 der 223 Länder umfassenden Statistik (Deutschland: Platz 23 vor Finnland) – gehört das riesige eurasische Land in Sachen Lebenserwartung zu den Schlusslichtern weltweit. Mit knapp 70 Jahren (Deutschland: 80 Jahre, Platz 28) belegt es Platz 152 – und das auch nur, weil das Sterbealter nach Geschlechtern, trauriger Weltrekord, hier am weitesten auseinanderliegt. Frauen sterben im Schnitt mit 76, was angehen mag im internationalen Vergleich, Männer dagegen schon mit 64. Weil sie saufen, saufen, saufen.

Gewiss, der Suff tränkt die russische Literatur (von Dostojewski über Tschechow bis Wenedikt Jerofejew) wie russische Filme (von Tarkowski bis Andrej Swjagintsew) seit jeher, auch das gemeinschaftliche Kampftrinken gehört zu jeder Speisetafel dieser, aber ja doch, Kulturnation. Oder sollte man sagen: Verzweiflungskulturnation? Ein Indiz hierfür nebenbei: Derzeit gehen die maßvollen staatlichen Bemühungen, den Russen die Lust auf Wodka zu versauern, ins fünfte Jahr. Doch die kontinuierliche Erhöhung der Mindestpreise für die handels-, oder vielleicht gar frühstücksübliche Halbliterflasche treibt die Russen nur umso heftiger in die Schwarzbrennerei. Und die wird von den Statistiken naturgemäß überhaupt nicht erfasst.

Das Land ohne Schnaps? Putin wäre ganz schnell weg vom Kreml

Mit anderen Worten: Viel spricht ohnehin dafür, dass Putin mit den aktuellen Anti-Sanktionen-Sanktionen, die das heimische Angebot spürbar ausdünnen dürften, vor allem das eigene Volk trifft. Die schärfste Sanktion aber bestünde darin, die Nation in Sachen Alkohol auszutrocknen. Womit Putin wahrscheinlich ganz schnell weg vom Kreml wäre. So schnell wie einst Michail Gorbatschow, der seinen Landsleuten das Saufen radikal abgewöhnen wollte – worauf sie sich ersatzweise die berauschenden Substanzen von einer Milliarde Parfüm-Flaschen durch die Kehlen jagten.

Was also bleibt, wenn demnächst sogar die Milch auszugehen droht in russischen Supermarktregalen? Zu einer jener Revolutionen, wie sie sich seit der französischen über die einstige russische bis zu den aktuell arabischen stets auch am Mangel an Grundnahrungsmitteln entzündeten oder an den hohen Preisen dafür, wird es nicht kommen. Denn das Rezept dagegen könnte einfach heißen: noch mehr Wodka fürs Volk. Oder „Alk und Spiele“, wie der römische Dichter Juvenal, stünde er heute wiedergeboren auf dem Roten Platz, sagen würde.

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