Kultur : Russland: Keine Angst vor Moskau

Mareile Ahrndt

Welche Zukunft hat Russland? Eine spannende Frage, auf die ein neu erschienener Sammelband viele erstaunliche Antworten gibt. Das beginnt schon mit der Feststellung, es handele sich um eine Bestandsaufnahme nach der Transformationskrise. Jetzt entscheidet es sich: Entweder geht es bergauf zurück zu einer Großmacht oder bergab in Richtung eines gescheiterten Staates - wie es zum Beispiel Somalia ist, schlägt Hans-Joachim Spanger von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung als Vergleich vor.

Spanger hebt die Parteilichkeit hervor, mit der der Westen Russland wahrnimmt. Wer offizielle Funktionen innehat und für die finanzielle Unterstützung Russlands zuständig ist, verbreitet Optimismus. Andere Beobachter können dem nicht zustimmen; laut Spanger zu Recht: Die seltenen "Lichtblicke im grauen Alltag der russischen Volkswirtschaft" seien ein Beleg dafür. "Ein anderes Beispiel ist der tschetschenische Virus, der seit der Entfesselung des russischen Destruktionspotentials vor sechs Jahren den Nordkaukasus in Gestalt tribalistischer Kriminalität und Kreuzzüge allmählich perforiert und nun einen neuerlichen Gegenschlag ausgelöst hat, der in keinem Verhältnis zu den ohnedies dunklen Zielen steht."

Die Frage, wie Russland den Westen sieht, wird selten ausführlich beantwortet. Irina Kobrinskaja tut es. Die Expertin für Außenpolitik hat die russische Presse seit 1991 durchforstet. Sie sieht positive Tendenzen bei der Darstellung des Westens in den Medien. Objektiver sei man geworden, realitätsnaher und freier in der Argumentation. Auch russische Kommentatoren ergriffen das Wort gegen den Tschetschenienkrieg. Liberale Zeitungen druckten kritische Stimmen aus den USA ab und pflichteten ihnen bei. Insgesamt würde die öffentliche Meinung zunehmend die russische Außenpolitik mitbestimmen. Eine gute Entwicklung, meint Kobrinskaja.

Noch zwei beruhigende Erkenntnisse hält das Buch bereit: Dass die Angst vor Russland unbegründet ist, weil in seinen Regionen Kommunisten und Nationalisten gar nicht so machtvoll sind, und dass der russische Föderalismus zwar ein Konfliktsystem ist, aber an vielen Stellen erstaunlich stabil. Russland in einer Übergangsphase, vielleicht mit goldener Zukunft - das findet Peter W. Schulze von der Friedrich-Ebert-Stiftung: "Allem Anschein nach muss auch in der Russischen Föderation eine Entwicklungsstufe durchschritten werden, wie sie etwa aus den USA vertraut ist. In den fünfziger und sechziger Jahren dominierten dort auf der regionalen und kommunalen Ebene starke Persönlichkeiten, die ebenfalls das nicht immer saubere Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft beherrschten." Für Marktwirtschaft und Demokratie würden solche Leute, so Schulze, langfristig auch in Russland sorgen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben