Sänger BRKN im Porträt : Hollywood liegt am Kotti

Locker reden, lässig singen: Der Kreuzberger BRKN macht deutschsprachigen R’n’B. Jetzt erscheint sein Debütalbum "Kauft meine Liebe". Ein Treffen.

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Andac Berkan Akbiyik, 25, nennt sich als Musiker BRKN.
Andac Berkan Akbiyik, 25, nennt sich als Musiker BRKN.Foto: Ferhat Topal

Das Nummernschild verrät ihn, als der schwarze Golf kurz nach sieben schwungvoll in einen Kreuzberger Hinterhof einbiegt. „B-RK“ lautet das Kennzeichen, das fehlende „N“ am Ende der Buchstabenkombination ergänzt der Kopf automatisch. Die Tür des Wagens öffnet sich und Andac Berkan Akbiyik, der sich als Künstler BRKN nennt, steigt aus. Er wirft einen Rucksack über die Schulter und läuft in Richtung Kellertreppe.

Es geht ein paar Stufen hinab, dann links rein in einen Raum voller Instrumente. In der Ecke liegen leere Wasserflaschen, durch die Fenster fällt Licht auf ein ausladendes Biedermeiersofa. Das hier ist Akbiyiks Reich, der Ort, an dem seine Musik entsteht und an dem er sein Debütalbum „Kauft meine Liebe“ aufgenommen hat, das am Freitag erscheint und über das er gleich sprechen wird. Doch erst müssen mit dem Manager noch ein paar Dinge für den Videodreh später am Abend abgeklärt werden.

Eigentlich müsste BRKN erschöpft sein vom Tag. Er kommt aus dem Büro, für seinen Lebensunterhalt jobbt der 25-Jährige in einer Werbeagentur. Die Musik ist für ihn bislang ein Hobby. Doch wer den Sänger so reden hört, der ahnt, dass sich das bald ändern könnte. Gerade erst hat er den Rapper Alligatoah auf dessen Tour begleitet. Pro Abend sahen ihn ein paar tausend Leute; in seiner Heimatstadt Berlin spielte BRKN in der Max-Schmeling-Halle. Mehr Werbung und einen besseren Start kann sich ein Neuling kaum wünschen.

„Mach deinen Doktor und dann mach, was du willst“, sagte der Vater

Vor drei Jahren sah das ganz anders aus. Da studierte BRKN noch Architektur und beschäftigte sich mit Statik und Materialkunde. Mit seinem sechs Jahre älteren Bruder ist er in einem bildungsbürgerlichen Elternhaus aufgewachsen. Der Vater – halb Kurde, halb Armenier – kam einst zum Studium nach Berlin und arbeitet heute als Therapeut. Die Mutter – Türkin mit kurdischen Wurzeln – arbeitet als Diplom-Pädagogin. Nachdem BRKN das Abitur an einem altsprachlichen Gymnasium in Charlottenburg gemacht hatte, erwarteten die Eltern etwas Vernünftiges. Am liebsten hätten sie ihren Sohn als Arzt gesehen. „Mach deinen Doktor und dann mach, was du willst“, pflegte der Vater zu sagen. Es kam anders.

Berkan Akbiyik entschied sich für Architektur, weil er schon immer gern gezeichnet hatte. In seiner Bachelorarbeit 2013 plante er die Bebauung einer Brache am Hermannplatz. Danach hatte er genug von Entwürfen und Gebäudeplänen. Er wandte sich der Musik zu. Als Kind hatte er Klavierunterricht genommen, mit neun kam das Saxofon hinzu, das Gitarrespielen brachte er sich vor ein paar Jahren selbst bei.

Amerikanische Soulkünstler hatten es ihm angetan: Erykah Badu, D’Angelo, Frank Ocean, Raphael Saadiq. „Die Lieder von denen berühren mein Herz“, sagt BRKN. So wie sie wollte er klingen, nur auf Deutsch. Also probierte er sich daheim aus, produzierte neben dem Studium erste Stücke für Künstler wie Said und Mach One, Freunde von Freunden. Danach begann er, an eigenen Songs zu arbeiten. Als sich die Möglichkeit bot, den Keller seiner alten Kita als Studio zu mieten, schlug er zu. Seither verbringt er einen großen Teil seiner Freizeit hier. Nur die Ruhezeiten zum Mittag muss er beachten.

Vom Vorschuss fürs Album hat er sich eine neue Playstation gekauft

Vor anderthalb Jahren veröffentlichte BRKN eine EP, nun folgt sein erstes Album. „Kauft meine Liebe“ versammelt 15 Titel, und gleich das Intro gibt die thematische Richtung vor: „Was machen wir heute“, fragt sich der Sänger darin. Für ihn und seine Generation ist das wahrscheinlich die einfachste und komplizierteste Frage zugleich. Und ergeben die Texte seines Debüts ein schillerndes Kaleidoskop aus Befindlichkeiten und Nebensächlichem, aus kleinen Problemen und großen Sinnfragen.

Es geht um Autos, Selbstinszenierung in sozialen Netzwerken und Konsumfixiertheit. Letztere wird etwa in der Mid-Tempo-Nummer „Neu“ verhandelt, darin singt BRKN: „Bevor ich dich habe, kriegst du so viel Beachtung, denn du wirst nie wieder so schön wie auf der Verpackung. Ich begehre und will dich, ob teuer oder billig.“ Es ist ein Dilemma, dem er sich selbst nicht entziehen kann. „Klar bin ich auch ein Konsumopfer“, sagt der Musiker und grinst. Vom Vorschuss fürs Album hat er sich eine neue Playstation gekauft.

Wenn er nicht gerade mit der Spielkonsole beschäftigt ist, trifft sich BRKN mit Freunden. Und so ist seine Nummer „Hollywood 36“ eine Eloge auf die Jungs, die ihn seit seiner Jugend begleiten. Das Stück beginnt mit einer melancholischen Klaviermelodie, nach ein paar Sekunden setzt ein Beat ein, dazu Hand-Claps, später kommt ein Saxofon hinzu und BRKN singt: „Alle machen auf Hollywood, wir hängen irgendwo am Kotti rum, wir brauchen nicht viel, den Himmel und ein’ Beat, also Scheiß auf High Society, ich häng’ mit den Jungs auf der Treppe.“ Es sind Zeilen, die man ihm sofort glaubt.

Mag sein, dass auf „Kauft meine Liebe“ manche Reime nicht ganz sauber sind. Dass BRKN gelegentlich Silben verschluckt und das Wort „Digga“ etwas überstrapaziert. Doch gerade dadurch klingen die Texte des Sängers nie abgedroschen oder banal, sondern immer wunderbar lässig, beiläufig und selbstironisch. Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, weiß BRKN. „Deutscher R’n’B und Soul kann sehr schnell kitschig klingen“, sagt BRKN. „Vieles wirkt sehr geleckt, da ist gar kein Schmutz mehr drin. Die Lockerheit, die ich mit meinen Kumpels beim Reden habe, wollte ich auch in meinem Gesang transportieren.“

BRKN besingt die Verzweiflung von Kim Kardashian

Nicht thematisieren wollte er auf der Platte hingegen seine Herkunft. „Das ist nichts, worüber ich in meinen Liedern reden will“, erklärt BRKN und wird ernst. Für ihn enden solche Ausführungen „meist im Phrasen-Gedresche“. Da singt er doch lieber über Kim Kardashian. In seinem gleichnamigen Lied heißt es: „Ich wünsch, ich wär hübscher ein Stück, es gibt Tutorials und Filter, ein Glück?/ Denn meine eigene Schönheit reicht nicht mehr, also schreib einen selbstbewussten Satz darunter, damit niemand die Verzweiflung merkt …“

An diesem Abend wirkt BRKN alles andere als verzweifelt. Nach dem Gespräch packt er seine Sachen zusammen, verlässt das Studio, steigt in sein Auto und verschwindet Richtung Schlesisches Tor. Der Videodreh wird die halbe Nacht dauern, doch am nächsten Tag wird BRKN wieder in der Werbeagentur sitzen. Wer weiß, wie lange noch.

„Kauft meine Liebe“ erscheint am 20.5. bei Beste/Groove Attack. Konzert: 19.5., 20 Uhr, Baumhaus-Bar, Falckensteinstr. 48 (ausverkauft)

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