Kultur : Sag meinen Eltern, ich habe tapfer gekämpft

Wann darf man töten? „Black Hawk Down“, der neue Film von Ridley Scott, wirkt wie ein Vorbereitungsfilm zum Irakkrieg. Gedreht wurde er vor dem 11. September

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Von Harald Martenstein

Der Film setzt in seinem Genre neue Maßstäbe, und er ist verdammt spannend. Aber die meisten Kritiker werden ihn nicht sonderlich mögen. Der Verleih hat lange gezögert, ob er „Black Hawk Down“ überhaupt in Deutschland herausbringen soll. Man muss sich nur mal eine Szene vorstellen, in der ein sterbender Soldat, zu halb süßlicher, halb pathetischer Hintergrundmusik, den Satz flüstert: „Sagt meinen Eltern, dass ich tapfer gekämpft habe.“ Um Himmels willen!

Die Versuchung ist groß, in „Black Hawk Down“ einen nationalpolitischen Vorbereitungsfilm für den kommenden Irakkrieg zu sehen. Aber er ist schon vor dem 11. Sepember 2001 gedreht worden, und Ridley Scott hat ihn gemacht, der Regisseur von „Blade Runner“ von „Alien“, von „Thelma & Louise“ und leider auch von ein paar entsetzlich schlechten Filmen, „Hannibal“ zum Beispiel. Bei Ridley Scott ist Gewalt immer eine Lösung. Die Filme handeln von Gewalt, sie denken über Gewalt nach, das ist ihr Thema. Und sogar die schlechten Ridley-Scott-Filme sind formal ziemlich perfekt, darauf kann man sich verlassen.

Wir Deutsche sind durchtränkt von amerikanischer Kultur, aber die amerikanischen Kriegsfilme verstehen wir nicht. Uns fehlt die Erfahrung des gerechten Krieges. Unsere Vorfahren standen immer auf der falschen Seite, die Amerikaner standen ein paarmal auf der richtigen. Heldentum ist uns grundsätzlich verdächtig, schon das Wort hat in vielen Ohren einen beinahe kriminellen Ruch. Vielleicht ist das gut so. Unser Antiheroismus schützt vor Selbstgerechtigkeit und Selbstüberschätzung. Aber vielleicht hat, wer aus einem Volk mit der historischen Erfahrung der USA stammt, das Recht, es ein bisschen anders zu sehen.

Die amerikanischen Kriegsfilme der letzten Jahre, die in Deutschland teils ratlos, teils ablehnend aufgenommen wurden, „Saving Private Ryan“ von Steven Spielberg zum Beispiel oder „We were Soldiers“ mit Mel Gibson oder „The Thin Red Line“ von Terrence Malick, waren keine Antikriegsfilme. In diesen Filmen ist Krieg selbstverständlich barbarisch, ein Massaker, aber er ist eben eine Möglichkeit. Wann geht es nicht anders, wann darf man töten? Wann darf man den eigenen Tod riskieren, für was oder wen? Wie verändert man sich im Krieg, wie kehrt man heim? Für uns, die wir gewohnt sind, jedes Pathos für hohl zu halten und fast jedes Heldentum für verlogen, sehen diese Filme so fremdartig aus wie Ethnologenvideo über die Hochzeitsbräuche der Maui-Maui-Indianer.

„Black Hawk Down“ schildert die realen Ereignisse im Somalia des Jahres 1993. Das Land wird von Bandenkriegen zerrissen, das Volk verhungert. Die UN schicken Friedenstruppen, zur Unterstützung folgen US-Eliteeinheiten. Bei dem Versuch, einige Offiziere des Clanchefs Aidid gefangen zu nehmen, werden etwa 100 US-Soldaten im Straßendschungel von Mogadischu von einer Übermacht eingekesselt, die Einheit versprengt sich in verschiedene Gruppen, Aidids Leute schießen zwei „Black Hawk“-Hubschrauber ab, die Nacht bricht ein. 18 Amerikaner fallen. Die Mehrheit kann gerettet werden, aber nur mit Hilfe von übellaunigen pakistanischen UN-Soldaten.

Es ist ein militärisches Desaster, eine Demütigung vor aller Welt, und zwar durch eine Gangstertruppe. Moslemische Pistoleros jagen eine mit allem technischen Schnickschnack der Rüstungsindustrie ausgestattete Hightech-Truppe vor sich her. Ein Trauma. Die USA ziehen sich aus Somalia zurück. Sie werden von da an Bodenkämpfe meiden wie der Teufel das Weihwasser, sie werden gegen UN-Missionen misstrauisch sein, bei denen die USA die Kastanien aus dem Feuer holen sollen. Selber die Bedingungen des Kampfes bestimmen, sich nicht auf Verbündete verlassen, nur der eigenen Kraft vertrauen - das sind, aus amerikanischer Sicht, einige der Lehren von Mogadischu.

Ridley Scott inszeniert diese Geschichte als eine 142-minütige Straßenschlacht, als Mutter aller Western. Nein, ein Schauspielerfilm ist es nicht, auch wenn Sam Shepard dabei ist, sondern ein Film der Kameraleute, der Cutter, der Special-Effect-Crews, Stunt-Koordinatoren und Produktionsdesigner, dick geschminkt mit der Musik von Hans Zimmer, ein Film, der alles daran setzt, die berühmte erste halbe Stunde von Spielbergs „Private Ryan“ an Realismus und Drastik zu übertrumpfen und es auch schafft, vor allem dank seiner epischen Länge. Scott ruft alle einschlägig bekannten Kinogötter zu seiner Hilfe – das Hubschrauberballett wie in „Apocalypse now“, den Ansturm der Armee der Zerlumpten wie in „Assault“ von John Carpenter, der selber schon Zitat war, die Eingeschlossenen in der Festung wie in „Alamo“, dazu die Vietnamkriegsmusik von Jimi Hendrix, es ist alles dabei, jedes Motiv und jeder Archetyp des Kriegsfilms, und so entsteht eine grandiose Blut-und-Bodenkriegsoper, eine Jagd durchs Labyrinth einer zerstörten Stadt. Gedreht wurde in Marokko. Der dortige König legte Wert darauf, dass der Film keinerlei Beleidigungen des Islam enthält. Mohammed VI. will keinen Ärger. Das Drehbuch gönnt denn auch den somalischen Milizoffizieren eine gewisse Größe; sie sind intelligente, gebildete, ebenbürtige Gegner.

Ausgelöst wird das Desaster durch einen banalen Unfall - ein Soldat verletzt sich beim Aussteigen aus dem Hubschrauber. Das bringt den Zeitplan durcheinander, der erste abgeschossene Hubschrauber ruiniert die Planung dann endgültig. Denn die Soldaten lassen keinen von ihren Leuten zurück, sie holen jeden raus, auch die Toten. Der Bürger in Uniform riskiert auf staatlichen Befehl sein Leben, im Gegenzug hat er Anspruch darauf, dass der Staat alles Menschenmögliche für die Rettung seines eigenen Lebens tut, anderes Leben für seines riskiert, sogar für die Bergung seiner Leiche. Der einzelne Soldat darf für den Staat kein Kanonenfutter sein - das war auch schon bei Spielbergs „Private Ryan“ das Grundmotiv. Ein Stalingrad ist unter solchen Prämissen nicht möglich.

Die USA sind das letzte Imperium, und gleichzeitig sind sie das Land, das den Individualismus und den Hedonismus zu den höchsten Höhen der Geschichte geführt hat. Noch nie gab es ein Imperium, dessen Bewohner so sehr darauf geeicht waren, sich selber für mindestens genauso wichtig zu halten wie ihre Regierung. Von diesem Widerspruch zwischen den globalen Aufgaben des Imperiums und seiner individualistischen Ideologie handeln die amerikanischen Kriegsfilme. In „Black Hawk Down“ fragen die Soldaten sich gegenseitig mehrmals: „Haben wir hier überhaupt was verloren?“ Es geht ja in Somalia nicht um die Verteidigung der USA oder um ihre Interessen, sondern um einen humanitären Einsatz, darum, ein Volk vorm Verhungern und vor seiner eigenen korrupten Elite zu retten. Darf man dafür amerikanisches Leben opfern, hat der Staat das Recht dazu? Der Film stellt diese Frage immer wieder, die amerikanische Jahrhundertfrage: Wann dürfen, wann müssen wir in den Krieg ziehen? Und er muss, wie Amerika insgesamt, den Heroismus ziemlich dick auftragen, damit man nicht sofort merkt, dass er keine Antwort weiß.

Ab Donnerstag in 20 Berliner Kinos, OV im CinemaxX Potsdamer Platz und im CineStar Sony-Center

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