Kultur : Sag mir, wie die Schirmmütze sitzt

Auf ewig kleiner Bruder? Joaquin Phoenix und seine Rolle in Gregor Jordans Militärkomödie „Army Go Home“

Ralph Eue

Spätestens seit seiner Rolle als Commodus, dem gleichermaßen liebebedürftigen und machtlosen wie paranoid-gefährlichen römischen Kaiser in Ridley Scotts „Gladiator“ ist Joaquin Phoenix aus dem Schatten seines Bruders River getreten. 1993 starb River Phoenix an einer Überdosis Heroin – und obwohl Joaquin Phoenix zwischen 1989 und 2000 bereits acht Filme gedreht hatte, etwa mit Oliver Stone („U-Turn“), Gus van Sant ( „To Die For“) und Philip Kaufman („Quills“), wurde er bis zu seiner Oscar-Nominierung für „Gladiator“ fast reflexhaft über seinen Bruder definiert: Immer wieder – als sei das die Rolle seines Lebens gewesen – wurde er auch auf den weltweit in News- und Klatsch-Sendungen ausgestrahlten Verzweiflungs-Notruf angesprochen, mit dem er damals den Tod seines älteren Bruders der Polizei meldete. Irgendwann begann er dann, bei Interviews das unkommunikative Monster zu geben, aus Notwehr wohl.

Nun spielt der 28-Jährige die Hauptrolle in „Army Go Home“ – und im Gespräch wirkt er lässig, höflich, ja von fast abwesender Ausgeglichenheit. Allenfalls die gierigen Züge an der Zigarette oder die abgekauten Fingernägel lassen etwas von der Spannung aus Smartness und Leichtsinn, Bosheit und Gleichgültigkeit, Raffinesse und Eleganz ahnen, die in ihm toben und auf der Leinwand schier zerreißen.

In „Army Go Home“ gibt Phoenix den zynischen Garnisonsschreiber Ray Elwood. Elwood tut Dienst auf einer unendlich langweiligen US-Army-Base im Südwesten der alten BRD, wo die Zeit kurz vor dem Mauerfall zu nichts anderem taugte, als totgeschlagen zu werden. Der Romanvorlage ist ein Motto Friedrich Nietzsches vorangestellt: „Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich selber her.“ Robert O’Connor hat „Buffalo Soldier“ in einer schneidend klaren und dabei verblüffend surrealen Prosa geschrieben, und der junge Australier Gregor Jordan hat es nun souverän und elegant auf die Leinwand übertragen.

Die US-Soldaten in diesem Film gleichen hochgezüchteten Kampfhunden, die niemand mehr braucht. Der Mauerfall dringt in Elwoods Leben nur aus der Ferne über den allgegenwärtigen Fernseher ein – sei es beim Verhökern absurd hoher Putzmittel-Kontingente, beim Heroin-Kochen oder beim gelegentlichen Quickie mit der Frau (Elizabeth McGovern) seines Kommandeurs (Ed Harris). In seiner unromantischen Bosheit erinnert der Film ebenso an „Verdammt in alle Ewigkeit“ wie an „Catch 22“ oder „M.A.S.H“.

Sind die Filmepisoden nicht völlig überzogen – etwa jene mit dem verirrten Panzer oder den verschwundenen Waffen-Trucks? Keineswegs, meint Joaquin Phoenix, und gibt flugs einige Geschichten zum Besten, die ihm aus der Dokumentation eines Ex-Offiziers, der während der Dreharbeiten als Berater fungierte, in Erinnerung geblieben sind. So weiß er, dass es in den Jahren der Stationierung amerikanischer Truppen in Deutschland kaum ein Manöver gab, bei dem nicht ein halbes Dutzend Leute unter die Räder von Jeeps oder Ketten von Panzer kamen, oder dass mitten in der Wende die Gattin eines US-Offiziers in Bayern wegen Kokain-Schmuggel verhaftet wurde, obwohl ihr Mann Vorsitzender des Anti-Drogen-Komitees der Army war. Derlei Nachrichten drangen kaum an die deutsche Öffentlichkeit. „Dieser Berater“, sagt Phoenix, „ war übrigens mit der Botschaft des Films absolut einverstanden. Total grantig wurde er aber, wenn ich meine Schuhe nicht korrekt gebunden hatte oder – ganz anstößig – wenn der Scheitelpunkt der Schirmmütze nicht exakt über der Nasenspitze saß.“ Und: „Seine Reaktionen waren mir immer ein verlässliches Zeichen, mit welch winzigen Abweichungen man Elwood schon zum Bad Boy stempeln konnte."

Wie geht eigentlich ein Darsteller, der mit „Gladiator“ schon einen Karriere-Höhepunkt erreicht hat, mit nachfolgenden Rollen um? Hat er Angst vor dem Di-Caprio-Effekt? Joaquin Phoenix hat diese Frage längst für sich ausgeforscht: „Dann müsste ich ja in den Vorruhestand gehen. Mein großes Vorbild ist Sir Peter Ustinov. Er war zwanzig, als er Nero in ,Quo Vadis’ spielte, und danach fing er erst richtig an. Jetzt ist er über neunzig und noch immer nicht am Ende der Reise. Die Aufgabe, menschliche Erfahrungen zu spielen, hat nicht das Geringste mit dem Budget oder dem Alter zu tun."

Andersherum, nicht im Blick nach vorn, komme man der Wahrheit näher. Sein Ehrgeiz sei es, sagt Joaquin Phoenix, im Rückblick auf einen Film als die zwingende Wahl für einen bestimmten Part zu erscheinen. Als er für „Gladiator“ die Rolle des Commodus übernahm, da wollte nur niemand außer Ridley Scott ihn darin sehen. Sogar er selbst nicht. Auch bei der Rolle von Elwood hat Joaquin Phoenix gezögert. Das beste Zeichen, meint er: Die größte Herausforderung im Leben sei es schließlich, sich selbst zu überzeugen.

„Army Go Home“ läuft im Balazs, Blow Up, Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Hellersdorf und Sony Center (OV) und in den UFA-Kinos Royal sowie Treptower Park

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