Kultur : Salto vitale

Deutsche Erneuerungs-Szenen: Enzensbergers Humboldt-Projekt, Klinsmanns Universalismus und Simon Rattles Rhythmus

Peter von Becker

„Es werde Licht!“ So leuchtet die kosmisch elektrisierende Botschaft über dem Humboldt-Portal im Internet. Doch das weltweite Zeichen gilt vor allem den Deutschen. Denn Hans Magnus Enzensberger will mit seiner prunkvollen Neuedition der universalwissenschaftlichen Hauptwerke Alexander von Humboldts gerade unsere Nacht, wenn nicht gar Umnachtung erhellen. Jenes deutsche Dunkel aus Jammerstimmung, Bildungsmisere, Zukunftsängsten. Da sei der grenzüberschreitende Weltenforscher (1769 bis 1859), pointiert gesagt: eine Mischung aus Marco Polo, Goethe, Einstein und Reinhold Messner und darum wohl Deutschlands kühnster Genius, eben jetzt der Mann, den verunsicherten Nachgeborenen auf die Sprünge zu helfen.

Und schon wirken manche ganz erleuchtet. Von Günther Jauch bis Joschka Fischer, vom Bundespräsidenten bis zu Nina Ruge rühmen sie den vor 145 Jahren verblichenen Humboldt als einen, den „wir heute wirklich gebrauchen könnten“ (Horst Köhler). Ohne persönlich in einer der üblichen TV-Talkshows aufgetreten zu sein, hat Hans Magnus Enzensberger, die gebildetste, liebenswürdigste Intelligenzbestie unseres Geisteslebens, in den letzten Wochen eine fast beispiellose Medienkampagne entfacht; dabei hat er mit erlauchten Eigenbeiträgen unter Museumskuppeln und bei feinsten Sponsoren-Soireen („Hans Magnus Enzensberger hält eine After-Dinner-Speech“) die einflussreichsten Fürsprecher für sein Humboldt-Projekt gewonnen (vgl. auch das Enzensberger-Interview im Tagesspiegel vom 18. September).

Statt nur Hartz-Hysterie: ein Humboldt-Hype. Während die eine Welle bereits abebbt, sind die Verkaufszahlen für die neue H.-Edition in Enzensbergers „Anderer Bibliothek“ im Frankfurter Eichborn Verlag imposant: Allein von Humboldts fast tausendseitigem „Kosmos“, der immerhin 99 Euro kostet, sind die ersten 25000 Exemplare verkauft und bis Ende Oktober soll die Auflage bis zu 100000 Exemplaren gesteigert werden.

Hier müssen wir nun unbedingt HME selbst zitieren: „Für das genannte Buch liegt die obere Grenze eines vorstellbar intelligenten Publikums bei 1500 bis 2000. Der technische Begriff des Wirkungsgrades hält damit seinen Einzug in die Literaturkritik. Fortan ist es möglich, daß ein Buch in riesiger Auflage gedruckt und verkauft wird, ohne im Bewußtsein des Publikums eine Spur zu hinterlassen.“ Soweit Enzensberger, der sich angesichts gewisser Erfolgsbücher fragt, „wer aber wird sie lesen?“.

Humboldts wunderbarer „Kosmos“, dieser „Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“, war der letzte Versuch eines Menschen, noch einmal enzyklopädisch (fast) alles empirische naturwissenschaftliche und anthropologisch-völkerkundliche Wissen, grundiert auch von Kulturgeschichte, Religionen und Philosophie, über die Erde und das Universum in einem Werk zu vereinen. Humboldts Buch der Bücher beruhte auf 25 Jahren Schreibarbeit, auf 60 Jahren Forschungen und Reisen durch Wüsten, Gebirge, Dschungel und Savannen – von den Anden bis an die Grenzen Chinas. Es enthält auf knapp tausend großformatigen Seiten rund tausend, teilweise kapitellange Fußnoten, es enthält hunderttausend Messdaten, Tabellen, Beschreibungen von asiatischen Sandproben, tropischen Wolkenphänomenen, zählt jedes Insektenbein und den intimsten Fischnerv, schaut hellsichtig in die Schwärzen kosmischer Energien und zitiert in unendlicher, gespenstischer Gelehrsamkeit Forschungen und Erkenntnisse von der Antike an – auch aus dem Arabischen, Persischen, Russischen, denn nichts Wissbares zwischen dem Meeresgrund und den Galaxien ist Humboldt fremd gewesen.

Dieser Gesprächspartner Napoleons und Jeffersons, Schillers, Goethes und Darwins, der im Gehrock bis zu 6000 Meter hohe Andengipfel bestiegen hat, urteilte über Hegel – als hätte er auch das 20. Jahrhundert gekannt: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, die die Welt nie angeschaut haben.“ Sein Buch vom „Kosmos“ ist die erlebte und mit Mikroskop und Spiegelsextant überprüfte Weltanschauung. Aber wer wird das wirklich lesen?, fragt man sich – mit HME.

Allerdings ist das Enzensberger-Zitat über ein „vorstellbar intelligentes Publikum“ gut 40 Jahre alt. Es steht in Enzensbergers erstem, 1962 erschienenen und bis heute erstaunlichen Essayband „Einzelheiten“. Im Aufsatz „Bildung als Konsumgut“ wunderte sich HME über Taschenbuchauflagen philosophischer und wissenschaftlicher Werke wie Platons „Das Ei und Ich“ (300000 Exemplare) oder – hierauf bezog sich der konkrete Zweifel – eine fußnotengepanzerten Studie über die antike griechische Musik, die jahrtausendelang kein Mensch mehr gehört hat.

Ein typischer Kulturkritiker müsste nun angesichts der unglaublichen „Kosmos“-Auflagen sagen, dass jener junge Enzensberger mit seinem Verdacht der intellektuellen Folgenlosigkeit bestimmter Bestseller gegen den alten, demnächst 75 werdenden Enzensberger doppelt und dreifach Recht habe: Heute, wo doch das Bildungsbürgertum weiter erodiert und die schnell surfende Informationsgesellschaft zum Gegenteil einer fundierten Wissensgesellschaft geworden ist. Sogleich ist dann der vorwurfsvolle Spott über ein kulturschickes coffee table book zur Hand – und dass Enzensberger sowieso ein geistiges Chamäleon sei. Wer so denkt, vergisst freilich, dass das Chamäleon ein Tier von größter physiologischer Intelligenz darstellt und einer wie HME auf Weltveränderungen meist schneller reagiert und oft weiter denkt als andere.

Enzensberger hat Humboldt ja nicht erst unlängst wiederentdeckt. Das Humboldt-Projekt, noch getarnt als Blick in ein kulturgeschichtliches „Mausoleum“, findet sich bereits in seinem gleichnamigen Lyrikband von 1975, wo wir unter der Chiffre „A. v. H.“ das Leben und Sterben jenes Mannes besichtigten, über den es heißt: „Wie Schnee schmilzt die Terra incognita unter seinen Blicken.“ Enzensberger bettet den frühen Globalisten und „Geognost“, den Erderkenner, in einem Pantheon der Großgeister (vom Mittelalter bis zur Fastgegenwart); am Ende eines überreichen neunzigjährigen Lebens sieht er ihn mit seinem Weltwissen dann wieder in Berlin angekommen, „einer kleinen, geistig verödeten, überhämischen Stadt“: gemeint ist, in Humboldts eigenen Worten, auch Preußen und Deutschland im Zeitalter Metternichs und der gescheiterten 1848er Revolution.

Natürlich setzte Enzensberger vor 30 Jahren sein „Mausoleum“ schon mit sarkastischer Melancholie wie ein intellektuelles Mahnmal und Wahrzeichen in die deutsche Gegenwart: in der lange vor Pisa oder irgendwelchen OECD-Studien vom „Bildungsnotstand“ die Rede war und der erste Ölkrisenschock die Wirtschaftswunderzivilisation gerade erschüttert hatte. Inzwischen aber hat der milder, weiser, im Hirn jedoch kaum älter gewordene Zeitgeisteskopf erkannt, dass man dem Kranken auch von der Gesundheit erzählen muss; dass Gegenbilder auch Vorbilder sein sollten.

Fortsetzung auf Seite 26

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