Kultur : Sammeln verboten: Die Staatsbibliothek

(jk)

Taliban-Führer Mullah Mohammad Omar als Hund an der Leine Osama bin Ladens - nur eines von vielen Flugblatt-Motiven, die von amerikanischen Kampf-Jets in den letzten Wochen über Afghanistan abgeworfen wurden. "psy-ops", psychological operations, nennen US-Generäle diese Kriegseinsätze. Was in der englischen Kurzform hochmodern klingt, ist in Wahrheit gar nicht so neu. Besonders im Zweiten Weltkrieg segelten Flugblätter in Millionenauflage nachts auf Europa herab. Irgendwo in einem Wald nahe Erlangen fand der zwölfjährige Klaus Kirchner 1942 eines dieser Flugblätter. Fasziniert von dem Schriftstück, lieferte Kirchner es nicht wie vorgeschrieben mit "Feindpropaganda" beschriftet bei den zuständigen Behörden ab, sondern nahm es mit nach Hause. Das gelbe Blättchen sollte der Grundstein für Kirchners Feindflugblatt-Sammlung aus den Weltkriegen und dem Kalten Krieg werden, die heute 16 000 Exemplare umfasst und vergangene Woche von der Berliner Staatsbibliothek mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft für einen sechsstelligen Euro-Betrag erworben wurde.

"Die Staatsbibliothek zeigte großes Verständnis für mein Anliegen, diese Dinge zu erhalten", begründet Kirchner, der sich nun von seinem Hobby zur Ruhe setzen möchte, seine Wahl. Seit den sechziger Jahren widmete sich Kirchner in seiner Freizeit der Flugblattforschung. Durch Recherchen in europäischen Kriegsarchiven gelang es ihm, die Herausgeber-Codes, meist ein Buchstabe und eine fortlaufende Nummer unten auf dem Flugblatt, zu entschlüsseln und so komplette Serien zu veröffentlichen. Unsere Abbildungen zeigen sowjetische Flugblätter, die im Juni und Juli 1942 über der Ostfront abgeworfen wurden. Auf der Rückseite der Schriftstücke konnten deutsche Soldaten ein Gedicht von dem im russischen Exil lebenden Dichter Erich Weinert lesen. Weinert klagt auf dem Flugblatt Hitler an und schreibt: "Der Spruch ist gefällt! Er heißt: den Tod! Im Namen Deutschlands richtet ihn! Ihr seid die Vollstrecker!"

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