Kultur : Sammler der Besonderheit

KATJA HERTIN

Wie einen Schatz hütet Picasso die vergrößerten Zeilen einer Meldung, die zwischen den vermischten Nachrichten in einer Tageszeitung in Arles erschienen war.Sie berichtete, daß ein holländischer Maler ins Krankenhaus gebracht worden sei, nachdem er sich ein Ohr abgeschnitten habe.Picasso liebte van Gogh mehr als alle anderen Künstler und sprach häufig von ihm.Doch ein Bild van Goghs hat er nie besessen.Auch mit anderen Leerstellen überrascht Picassos Sammlung, die in der Münchner Hypo-Kunsthalle zum ersten Mal außerhalb Frankreichs zu sehen ist: Goya fehlt in seinem Privatmuseum ebenso wie Ingres oder Velázquez.Von dem befreundeten Kubisten Juan Gris kein einziges Bild, nichts von Fernand Léger, nichts von Paul Klee.Und nur drei Gemälde von Georges Braque, mit dem er während seiner Zeit auf dem Montmartre so eng zusammenarbeitete, daß die beiden Künstler Schwierigkeiten bekamen, ihre Arbeiten auseinanderzuhalten."Seine Sammlung gleicht ihm nicht", stellt der französische Schriftsteller André Malraux fest.Picasso hatte dafür eine simple Erklärung zur Hand: "Was ich mag, und was ich um mich haben möchte, das ist nicht dasselbe."

Nach dem Tod des Malers 1973 erwartete die Öffentlichkeit - durch Spekulationen in der Presse angeheizt -, in seinem Nachlaß neben den "Picassos" eine märchenhafte Schatzkammer mit Werken anderer Künstler zu finden.Doch von den vermuteten 800 Exponaten war die Privatsammlung, die als Schenkung an den Louvre ging und heute im Pariser Musée Picasso untergebracht ist, weit entfernt.Vielmehr löste Befremden aus, daß neben unbestrittenen Meisterwerken auch weniger bedeutende Arbeiten vertreten waren."Picasso ein letztes Mal provokant" titelte "Le Nouvel Observateur", "Der zweideutige Picasso" hieß es in "Le Figaro".Picasso selbst hat immer bestritten, ein Sammler zu sein.In jedem Fall fehlte ihm die Besessenheit, mit der sich ein echter Sammler auf die Jagd nach erlesenen, prestigeträchtigen Trophäen macht.Picasso ließ die Dinge zu sich kommen.Er erwarb Arbeiten, auf die er zufällig stieß und die ihn spontan faszinierten.

Die Stücke, die er über Jahrzehnte zusammentrug, erzählen von seiner lebendigen Beziehung zu den Malern und der Malerei.Die Bilder, die im Chaos seiner Ateliers zwischen Vitrinen, Leinwandrollen und Zeichenpappe an Wänden und Möbeln lehnten, verstand er als Freunde, die ihm bei der Arbeit zusahen.Besuchern präsentierte er seine Schätze mit sprudelnder Begeisterung und Besitzerstolz.Damit ihm ein Bild gefiel, mußte es nicht künstlerisch perfekt sein.An seinem Le Nain "Die Rast des Reiters" reizte ihn zum Beispiel gerade das "Unbeholfene" der Darstellung, bei Rousseaus "Die Vertreter der Fremdmächte" freute er sich an der naiven Weltsicht des Zöllners.

Die rund 110 Gemälde und grafischen Blätter aus der Sammlung des Künstlers setzt die Ausstellung in Bezug zu einer Auswahl seiner eigenen Werke.Eine Serie von Monotypien mit Bordellszenen von Edgar Degas inspirierte ihn ebenfalls zu einer Reihe von Zeichnungen aus dem Freudenhaus - mit Degas in der Rolle des Voyeurs.Die überproportionierten Gliedmaßen von Renoirs "Eurydike" findet man in den massigen Körpern der Frauen wieder, die Picasso in seiner klassizistischen Phase Anfang der 20er Jahre malte.Daneben zeigt die Schau auch Masken und Fetischfiguren aus Afrika und Ozeanien, die Picasso bereits seit 1907 sammelte.Ihr Einfluß ist unübersehbar.

Zu vielen seiner Trouvaillen kam Picasso durch den Kontakt mit seinen Kunsthändlern.In ihren Lagern konnte er ungestört stöbern und eigene Werke gegen Bilder der Galerie eintauschen.Bei seinem ersten Pariser Händler Vollard kaufte er Cézanne und Matisse.Paul Rosenberg, dessen Galerie sich auf die "französische Tradition" verlegt hatte, unterstützte seine Vorliebe für Corot und Renoir, Louise Leiris verkaufte ihm die "Badenden" von Cézanne.Natürlich sind viele Stücke aus Picassos Sammlung auch als Geschenke befreundeter Künstler in seinen Besitz gelangt - etwa die Zeichnungen und Collagen seiner Dichter-Freunde Apollinaire, Max Jacob, André Salmon, Jacques Prévert.

Keine Freundschaft aber ein enges, von gegenseitiger Bewunderung und Rivalität geprägtes Verhältnis verband Picasso mit Matisse.Die beiden tauschten immer wieder Arbeiten aus.Wie Gertrude Stein berichtet, suchten sich beide aus den Bildern des anderen jeweils das schwächste Werk aus, um es als Beweis für die Mittelmäßigkeit des Kontrahenten zu verwenden.Doch hinter diesen Eitelkeits-Spielchen verbarg sich eine tiefe gegenseitige Achtung: Als Matisse erfuhr, daß Picasso bei einem Händler sein Stilleben "Korb mit Orangen" erworben hatte, das er für eines seiner besten Bilder hielt, soll er vor Rührung geweint haben.

Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung.München; bis 16.August.Katalog 46 DM.

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