Sammlung Brandhorst : Strickmuster für Millionen

Ein Haus für zeitgenössische Kunst: Wie die Sammlung Brandhorst in München zum Museum wird.

Nicola Kuhn
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Moiré-Effekt. Die Fassade des vom Berliner Architekturbüro Sauerbruch & Hutton erbauten Museums Brandhorst ist aus 36 000 farbigen...

Münchner Lästermäuler waren mit einem frechen Vergleich schnell zur Hand. Der Bau sehe aus wie ein Missoni-Pullover. Doch was aus der Ferne wie im Zickzack erscheint, dem klassischen Muster des italienischen Strickwarenherstellers, den die feine Münchnerin so gerne trägt, ist in Wirklichkeit eine extravagante Fassade aus 36 000 bunten Keramikstäben, die das Haus umgibt und dem Passanten signalisiert: Hinter diesen Mauern gibt es Kunst. Vergleichsweise dezent steht über dem Eingang „Museum Brandhorst“, der neueste Zuwachs auf dem Kunstareal der Max-Vorstadt, gleich neben der Pinakothek der Moderne mit Blick auf die Alte Pinakothek und nahe der Neuen. Auf einen schmalen Grundstückstreifen hat sich der zweigliedrige Kubus zwischen die benachbarten Gebäude geschoben und macht aus der planerischen Not eine räumliche Tugend.

Der Neubau des Berliner Architektenpaares Sauerbruch & Hutton mit seinen übereinandergestapelten Galerien ist ein Musterbeispiel des eleganten Understatements. Was von außen frisch, fröhlich, frech daherkommt und doch mit seinen Grün-, Rot-, Gelb-Pastelltönen höchst sensibel auf die Farben der Umgebung reagiert, ist von innen ein klassischer White Cube, der den Besucher gesittet empfängt. Nach dem lichten Entree wird er durch eine großzügige Freitreppe in den Bau hineingeleitet, denn die Erschließung der einzelnen Galerien, die Wegführung ins Obergeschoss sowie ins Basement muss auf dem knappen Raum Hand in Hand gehen. Was die Architektur noch geschickt kaschiert, offenbart sich dafür später in den Sälen. Hier wird es eng, zumindest wird eng gehängt.

Dieser Widerspruch aus Groß und Klein, aus Weit und Schmal, mondäner Museumswelt und privatem Sammlerhort ist das Markenzeichen des gesamten Hauses. Das zeigt sich nicht nur am Bau, sondern auch an der Kunst und am Konstrukt der Einrichtung selbst. An diesem Ort wird kombiniert, was sich nicht von alleine zusammenfügt, ja was sich erst einmal fremd gegenübersteht. Die Kombination aus öffentlicher Institution und privatem Geber wurde schon in verschiedenen Versionen ausprobiert. Mit Berggruen, Marx, Flick und Scharf-Gerstenberg gibt es allein in Berlin diverse Modelle. Und oft genug kam später der Ärger, etwa wenn der Sammler seine Kunst nicht genügend gewürdigt wähnte oder sich das Museum gegängelt fühlte.

Das Museum Brandhorst mit seiner Stiftung bürgerlichen Rechts ist nun die neueste Variante. Der Staat zahlt das Haus (48 Millionen Euro), übernimmt Personal und Unterhalt, der Sammler gibt die Kunst und obendrein ein Stiftungskapital von 120 Millionen Euro, das einen Ankaufsetat in Millionenhöhe abwirft. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen mit einem Budget von 40 000 Euro sehen dagegen beinahe ärmlich aus. Eine Schräglage zeichnet sich ab, doch erst einmal wird gefeiert.

Der bayerische Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst freut sich vor allem über den Coup: ein neues Ausstellungshaus in arrivierter Architektur auf klimatechnisch neuestem Stand plus eine aus Köln an die Isar gelotste internationale Sammlung. Zwar müssen andere Bauten auf dem Kunstareal dafür warten, fehlt weiterhin ein Quartier für die grafische Sammlung und steht auch eine Bleibe für die ebenfalls in Köln akquirierte Fotosammlung Wilde noch aus, doch dann ... „Dann sind wir in München endgültig an der Weltspitze angekommen“, jubelte Minister Heubisch bei der Einweihung. Ab Donnerstag ist das Museum für das Publikum geöffnet, das sich von der 700 Werke umfassenden Sammlung Udo und Anette Brandhorst dann einen ersten Eindruck machen kann. Zunächst werden 140 Stücke gezeigt; in einem Jahr soll es einen Wechsel geben.

Die Erstpräsentation setzt ganz auf die beiden Sammlungsdioskuren Cy Twombly und Andy Warhol, die bis auf das gleiche Geburtsjahr 1928 und das Herkunftsland Amerika wenig gemein haben. Während der eine traditionell malt und klassisch Skulpturen schafft, verströmt sich der andere multimedial in Film, Fotografie, Editionen; während der eine in die Tiefe geht, kulturhistorische Bezüge sucht, spielt der andere mit Oberflächenreizen. Für den Geistesmenschen Twombly hat Museumsdirektor Armin Zweite deshalb das Obergeschoss reserviert. Hier kommt unter strahlendem Oberlicht sein „Lepanto“-Zyklus von 2001 perfekt zur Geltung, für den eine eigene Saalrundung geschaffen wurde. Doch diese Verehrung schlägt bei den Rosenbildern ins Gegenteil um, die nun den künftigen Saal für Wechselausstellungen füllen. Zu Gedichten von Bachmann und Rilke malte der alte Mann 2007 in Blau, Rot, Orange riesige Blüten. Ein trauriger Moment: Seine feingeistigen Exerzitien von einst lässt der große Künstler ungebremst in einem kitschigen Spätwerk münden. Davor hätte man schon den Sammler warnen müssen.

Warhol, Schmuddelkind, Society-Darling und Memento-mori-Maler, tobt sich im Keller aus. Hier stößt er auf seinen Wiedergänger Damien Hirst. Warhols Monumentalgemälde „The Last Supper“ trifft auf zwei gläserne Behälter mit Krankenhausabfall, Mullbinden, Kanülen und gebrauchten Spritzen. Ebenso nimmt es Warhols „Pisspainting“, für das der Künstler mit seinen Assistenten auf die elf Meter lange oxidierende Leinwand urinierte, mit Hirsts riesiger Pillenwand auf: Schmerz, körperlicher Verfall, Tod ist ihr gemeinsames Thema.

Zwischen den beiden Polen Schönheit und Schauder spannt sich die Sammlung Brandhorst auf, die nach dreißig Jahren leidenschaftlicher privater Erwerbungen nun in einem öffentlichen Haus ihre Heimat hat. Dieser Adressatenwechsel ist ihr bereits anzusehen. Mit dem Tod von Anette Brandhorst vor zehn Jahren, der Henkel-Erbin und skrupulösen Kunstkäuferin, hatte sich ohnehin eine Veränderung vollzogen. Einerseits bleiben die Spuren der rheinischen Vergangenheit spürbar mit Joseph Beuys, Gerhard Richter, Sigmar Polke, andererseits ergibt sich durch die Stiftungskonstruktion eine Öffnung zu Neuem hin. Plötzlich hat Videokunst Eingang gefunden, etwa die fünfkanalige Installation von Isaac Julien ebenso wie die allerdings zu Recht unter der Treppe versteckten Starporträts des Glamourfotografen David LaChapelle.

Diese Ambivalenz zwischen privaten Vorlieben und dem Füllen von Lücken in den Staatsgemäldesammlungen, denen es an Kunst nach 1945 eher mangelt, wird sich das Museum Brandhorst bewahren. Gerade darin besteht der Moiré-Effekt der Missoni-Pullover: dass sich vorhandene Raster und Linien übereinanderlegen und ein neues Muster erzeugen.

Museum Brandhorst, München, Theresienstr. 35a, www.museum-brandhorst.de

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