Kultur : Sammlung Giustiniani: Die Caravaggio-Connection

Eva de Rossi

Der Heilige Thomas legt den Finger in die Wunde Christi. Seine weitgeöffneten Augen drücken Ungläubigkeit und Erstaunen aus. Statt die Hand des Jüngers abzuwehren, führt Jesus sie zum klaffenden Riss: Caravaggios Bild "Ungläubiger Thomas" ist das Symbol der Ausstellung "Caravaggio und die Giustiniani", die passenderweise den Untertitel "Eine Sammlung des 17. Jahrhunderts mit der Hand berühren" trägt. Dies gelingt in Rom tatsächlich dank der Zusammenarbeit mit der Berliner Gemäldegalerie, der Stiftung Preußischer Schlösser, italienischer und internationaler Museen. Die berühmte Sammlung der Brüder Giustiniani, die einst 600 Gemälde und zahlreiche antike Skulpturen umfasste, kehrt an ihren Ursprungsort zurück: den Palazzo Giustiniani, im Herzen der Ewigen Stadt.

In dem prächtigen Renaissancebau lebten im frühen 17. Jahrhundert Kardinal Benedetto Giustiniani und sein Bruder, der Bankier Vincenzo, umgeben von den Meisterwerken ihrer Schützlinge - und nicht selten der Künstler selbst. Heute ist der Palast Sitz des italienischen Senats, der erstmals einem breiteren Publikum seine Pforten öffnet. In der freskierten Galerie und den mit dunkelroter Stofftapete verkleideten Räumen tritt aus dem Lichtkegel wieder die nackte Gestalt von Caravaggios "Amor als Sieger" hervor, der Lautenspieler schaut sehnsüchtig ins Ungewisse, der Leib Christi beugt sich unter der Dornenkrone. Die siebzig zusammengetragenen Bilder stellen zwar nur einen geringen, aber dafür signifikanten Teil des Kunstschatzes der Giustiniani dar. Er wurde in Paris zu Beginn des 19. Jahrhunderts von der damals in finanzielle Not geratenen Familie zum Verkauf angeboten. König Friedrich Wilhelm III. erwarb 157 Werke, die zur Gründung des preußischen Kulturbesitzes beitragen sollten. 1830 fand im Alten Museum die Einweihung der ersten öffentlichen Berliner Kunstsammlung statt.

Die jetzige Ausstellung nimmt den Faden wieder auf - von Rom nach Berlin. Vom italienischen Palazzo wird sie mit einigen Varianten ab 15. Juni ins Alte Museum zurückreisen, bevor ein Großteil, insgesamt 25 Bilder, wieder in die Berliner Gemäldegalerie zurückkehren. Dort füllen derzeit einige aus Rom entsandte Gemälde wie Caravaggios "Judith und Holofernes" die Lücke.

Die Schau bietet eine einmalige Gelegenheit, nicht nur Meisterwerke zu sehen, sondern auch einen Blick in die Entstehung einer der bedeutendsten Sammlungen des römischen Seicento zu werfen. So treffen Nicolas Régniers "Bildnis von Vincenzo Giustiniani" mit Bernardo Castellos Porträt des Kardinals zusammen. Auffallend ist der durchdringende Blick beider Brüder; ihren Augen scheint nichts zu entgehen. Was durchaus stimmt, denn sie verstanden es, die Impulse des künstlerischen Lebens im damaligen Rom zu erfassen und entsprechend ihren humanistischen Vorstellungen zu unterstützen. Sie erkannten das Genie Caravaggios, wussten seinen Naturalismus schon zu schätzen, als in Rom die Manieristen noch das Zepter führten. Ihrem Einfluss schienen dank ihrer Macht in Kurie wie Finanzwesen keine Grenzen gesetzt. Sie verhalfen dem enfant terrible zu Aufträgen bei weltlichen und kirchlichen Fürsten, erhoben ihn zur Leitfigur des römischen Frühbarock. Stieß Caravaggio doch auf Widerstand wie im Fall des "Heiligen Matthäus mit dem Engel" für die Contarelli-Kapelle, störten sich die Giustiniani nicht an der vermeintlichen Anstößigkeit und übernahmen das Bild.

Auch dem preußischen König gefiel das Werk, doch überlebte es die Bombenangriffe 1945 nicht. Das gleiche Schicksal traf die Darstellung der Kurtisane Fillide und "Christus auf dem Ölberg", obwohl die unverhoffte Rückgabe des ebenfalls als zerstört geltenden "Ungläubigen Thomas" 1958 durch die Sowjetunion hoffen ließ. In Rom kann man aber immerhin die zweite Fassung der "Berufung des Heiligen Matthäus" in der Kirche San Luigi vis-à-vis vom Palazzo Giustiniani bewundern. Das Werk beeinflusste nachhaltig die Caravaggisten wie Gerrit van Honthorst, Dirck van Baburen oder Giovanni Baglione, dessen zwei Versionen der himmlischen und irdischen Liebe sich hier wieder begegnen.

In der Landschafts- und Historienmalerei liebten die Giustiniani als Kenner der Antike die klassizistische Idealisierung der Brüder Carracci aus Bologna, wo Benedetto mehrere Jahre als Abgesandter des Papstes verweilte. Die zartblaue Landschaft mit Schloss und Brücke von Annibale Caracci geleitet zu Poussins "Juno und Argos". Einen weiteren Beweis für Vincenzo Giustinianis Begeisterung für die Wiederbelebung klassischer Vorbilder liefert die muskulöse Gestalt des auferstandenen Christus. Dabei könnte es sich um die erste, unvollendete Version von Michelangelos monumentaler Skulptur handeln. Eine schwarze Maserung im hellen Stein ließ vermutlich den Meister den Meißel sinken. Er wählte einen neuen Block und schuf die Figur, die noch heute in Santa Maria Minervasteht. Im Palazzo Giustiniani empfangen den Besucher an der Freitreppe der nackte Christus und eine marmorne Hestia, die Göttin des Herdfeuers, die ihm den Weg in das - vorübergehend wiederauferstandenen - Heimmuseum der Brüder Giustiniani weisen.

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