Kultur : Sand und Hunde

Geisterstunde am DT: Michael Thalheimer inszeniert „Schlaf“ von Jon Fosse

Andreas Schäfer

Sand, der eine Stunde von der Decke rieselt (die Zeit!). Eine Bühne, die sich schneckenlangsam unablässig dreht (Lauf der Jahreszeiten!). Echte Schlittenhunde, die aus dem Bühnenhintergrund auftauchen und über den bald apokalyptisch anmutenden Sand tapsen. Schauspieler, die an der Rampe stehen und einen Punkt fixieren (der heilige Geist?), der über den Zuschauerköpfen im Nichts hängt, selbst wenn sie sprechen, das heißt – wie immer bei dem Norweger Jon Fosse – mit vielen Pausen im Nebel des Unsagbaren stottern: „ich bin jetzt hier/ und bin nicht hier/irgendwie so“. Aber worüber man nicht reden kann, soll man ohnehin schweigen (Fosse nach Wittgenstein nach Meister Eckhart im Programmheft). Der Rest ist Kontemplation, das nackte Verstreichen der Minuten.

„Schlaf“ heißt das Stück, in der Inszenierung von Michael Thalheimer – für den sich gerade das Ensemble als neuen Intendanten des DT ausgesprochen hat – dauert nur eine Stunde. Aber man verlässt das Theater nicht verschlafen, sondern hellwach und auf rätselhafte Weise erquickt. Ein junges Paar (Lotte Ohm und Niklas Kohrt) bezieht eine neue Wohnung. Es ist froh und küsst sich lang, denn es erwartet ein Kind. Gleichzeitig bezieht ein anderes junges Paar die gleiche Wohnung. Es ist – logisch – nicht ganz so glücklich, denn mit dem Kinderkriegen will es nicht klappen, obwohl der Mann schon mal einen Kinderwagen gekauft hat. Aber noch während die „zweite junge Frau“ (Isabel Schnosnig) ihrem Mann (Alexander Khuon) deswegen eine wortkarge Szene macht, taucht ein „mittelalter Mann“ (Peter Pagel) auf, darauf eine „ältere Frau“ (Gabrile Heinz) und noch ein „älterer Mann“ (Jürgen Huth), die – wie sich herausstellt – die Wiedergänger des ersten (glücklichen) Paares sind, um dreißig Jahre gealtert. Und der „mittelalte Mann“? Er soll wohl die gealterte Version des „zweiten Mannes“ sein, der inzwischen von seiner Frau verlassen wurde. Statt Kinder brachte das Leben ihr die Karriere und damit die Erkenntnis, dass es nie aufhört mit „dem Hunger“ und den „Meetings“.

Ähnlich wie in Max Frischs „Biographie ein Spiel“ jongliert auch Jon Fosse in „Schlaf“ mit Lebensläufen – wenn die Konsequenzen, die er zeigt, auch zu einfach sind, um ernst gemeint zu sein: Mit Kindern wird man glücklich, ohne Kinder nicht. Anders als bei Frisch geht es aber nicht um Identitätsfragen, sondern um die somnambule Leere, die sich zeigt, wenn Identitäten und Zeitvorstellungen sich auflösen. Fosse ist kein Schweizer, sondern Mystiker. Seine Figuren werden von einem mysteriösen, nicht-irdischen Ort aus beleuchtet, in dessen Bann sie zu stehen scheinen. Da in diesem Licht ohnehin alles Irdische kaum Sinn macht, tun die Figuren sehr wenig und sagen das, was sie sagen, indem sie das allermeiste weglassen. Identitäten lösen sich auf, wenn man Doppelgänger auf die Bühne stellt. Die lineare Zeit wird zur ewigen Gegenwart, wenn die Junge als Alte auf demselben Sofa sitzt (Bühne Olaf Altmann). Für den Fosse-typischen Kitzel des Trancehaften muss allerdings auch noch die Grenze zwischen den Lebenden und Toten verschwinden.

Der irritierende Knackpunkt des Stücks, das über äußerliche Konflikte selbstverständlich erhaben ist, besteht in der Tatsache, dass der verlassene „mittelalte Mann“ (Paar 2) immer wieder mit der „älteren Frau“ (Paar 1) spricht, was nur möglich ist, wenn die „ältere Frau“ auch eine Untote oder eine Art Geist ist, der noch in den Räumen der Wohnung hängt. Dafür spricht auch der kurze Monolog ihres „Sohnes“ (Henning Vogt), der das schön entwickelte Tableau der Gleichzeitigkeit am Ende in eine enttäuschende Ordnung des Vorher-Nachher bringt: Erst haben wir hier gewohnt, dann ist nach dem Tod der Eltern ein kinderloses Paar eingezogen. Oder spricht aus dem Sohn nur die Naivität der Jugend, die schließlich nach vorn will und mit dem Glauben an die Zukunft auch nicht von der Vorstellung einer linear verlaufenden Zeit lassen kann?

So genau will das Thalheimer vielleicht zu Recht gar nicht wissen. Ihn interessiert das große Ganze, also die Atmosphäre melancholischer Zeitlosigkeit, die er Element für Element zusammenbaut – mit einer erstaunlichen Wirkung für die durchsichtige Vorgehensweise. Luc Bondy hat bei der deutschsprachigen Erstaufführung in Wien so viel Individualisierung und Leichtigkeit wie möglich aus Fosses Archetypen herausgeholt. Thalheimer unterstreicht das Entrückte, den Zustand innerer Gebanntheit, der Zwischenmenschliches kaum möglich macht und nur zu Verrenkungen des Zusammenkommenwollens führt. Zum Beispiel, wenn Isabel Schosnig und Alexander Khuon, ein hilfloses, das Getrenntsein nur unterstreichendes Umarmungstheater aufführen oder wenn Henning Vogt als Sohn seine alten Eltern besucht und ihm vor lauter Fremdheit nur das Schreien bleibt. Ingmar-Bergmannhafte Verkapselung umgibt die Figuren, sobald sie es miteinander versuchen.

Zu sich kommen sie nur, wenn sie von der Rampe ins Ungefähre schauen, minutenlang. Lotte Ohm glücklich, Isabel Schosnig mit sehnsüchtiger Verzweiflung, Gabriele Heinz, die „ältere Frau“, mit spitzbübischem Wissen. Dazu kommen die minimalistischen Klänge von Bert Wrede und der rieselnde Sand. Nach einer Stunde regt sich langsam der Wunsch nach einer Geschichte. Da ist der Abend schlauerweise schon vorbei.

Wieder heute, 29.11., 4.12. und 15.12.

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