Sandro Botticelli : Vom Schulabbrecher zum Malerpoeten

Sandro Botticelli nutzte sein Talent zum gesellschaftlichen Aufstieg. Gefördert von den Medici, passte er sich am Ende seines Lebens dem Zeitgeist an und wandte sich wieder religiösen Themen zu.

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Vermutliches Selbstbildnis um 1475, Detail aus dem Zanobi-Altar, Uffizien, Florenz. Foto: Wikipedia
Vermutliches Selbstbildnis um 1475, Detail aus dem Zanobi-Altar, Uffizien, Florenz.Foto: Wikipedia

Wohin mit Michelangelos kapitaler David-Skulptur? Im Januar 1504 trat in Florenz eine Kommission zusammen, um über den Streitfall zu entscheiden. Mit dabei als Sachverständiger: Sandro Botticelli, 59 Jahre alt, Leiter einer seit Jahrzehnten erfolgreichen Malerwerkstatt, Besitzer eines Landhauses außerhalb der Stadt und eines ererbten Familienwohnsitzes unweit von Santa Maria Novella.

Die Expertenjury platzierte den soeben fertiggestellten Marmorkoloss Michelangelos da, wo bis heute seine originalgroße Kopie in Stellung hält: direkt auf der Piazza della Signoria, vor dem alten Regierungspalast, und nicht wie ursprünglich geplant an einem Strebepfeiler des Doms.

Solche konkret überlieferten Fakten aus Botticellis Leben sind rar. Aus wenigen Aktennotizen und späteren Schilderungen reimt man sich das Bild dieses ungewöhnlichen Malers zusammen.

Eine sprunghafte Persönlichkeit

Was der Künstlerbiograph Giorgio Vasari erzählt, vermittelt einen widersprüchlichen Eindruck: Er lobt Botticelli für sein gutes „disegno“, also Zeichenvermögen, seine lebendigen Porträts und anmutigen Frauendarstellungen, aber er attestiert ihm auch eine sprunghafte Persönlichkeit, überspannte Intellektualität sowie einen Hang zu Späßen auf Kosten anderer.

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Die Werke Venus von Yin Xin (l) und von Andy Warhol in der Berliner Gemäldegalerie. Foto: dpa/Jörg Carstensen
Botticelli – Seine "Venus" verzaubert die Welt

Allerdings: Vasari kannte Botticelli gar nicht persönlich. Der Maler starb ein Jahr, bevor der Kunstschriftsteller 1511 das Licht der Welt erblickte.

Sandro Botticelli wurde 1445 in Florenz als jüngster Sohn eines Gerbers geboren und hieß eigentlich Alessandro di Mariano di Vanni Filipepi. Sein Spitzname „Fässchen“ geht wohl auf einen beleibten Bruder zurück. Der aus einfachen Verhältnissen stammende Botticelli nutzte sein Künstlertalent als Chance zum gesellschaftlichen Aufstieg.

Schüler des Malermönchs Fra Filippo Lippi

Als Kind allerdings fiel Sandro, so Vasari, durch mangelnden Fleiß in der Schule auf: „immer unruhig und mit keinem Unterricht je zufrieden, sei es im Lesen, Schreiben oder Rechnen“. Entnervt habe der Vater ihn zu einem Goldschmied in die Lehre gegeben. In Botticellis späteren Werken zeigt sich ein Faible für extravaganten Schmuck bei Damenbildnissen.

"Botticelli Renaissance" in der Gemäldegalerie
Ausstellungsvorbereitung zu "The Botticelli Renaissance". Der Tondo "Muttergottes mit Kind und anbetendem Johannesknaben - (Durchmesser 80 cm) und das Bild (rechts) "Christus als Erlöser" (um 1500) aus der Werkstatt von Sandro Botticelli werden von Babette Hartwieg, Leiterin der Restaurierungswerkstatt der Gemäldegalerie in Berlin-Tiergarten im Frühjahr 2015 begutachtet. Foto: Thilo RückeisWeitere Bilder anzeigen
1 von 29Foto: Thilo Rückeis
22.09.2015 18:04Ausstellungsvorbereitung zu "The Botticelli Renaissance". Der Tondo "Muttergottes mit Kind und anbetendem Johannesknaben -...

Die Feinheiten und Kunstgriffe des Pinsels erlernte er bei dem Florentiner Malermönch Fra Filippo Lippi. Von dessen lieblichen, ätherisch-zarten Madonnendarstellungen emanzipierte sich der junge Maler rasch. Mit klaren Konturen, kräftiger Licht-Schattenführung und vor allem einem unnachahmlich eleganten Linienspiel kultivierte er schon bald einen wiedererkennbaren eigenen Stil. Da die Nachfrage nach Marienbildern für Privatauftraggeber nie abriss, konnte sich der Newcomer so als kreativer Kopf unter seinen Konkurrenten profilieren.

1472 schrieb sich Botticelli in die Zunftlisten der Florentiner Lukasbruderschaft ein. Schon zuvor hatte er eine eigene Werkstatt im Haus seines Vaters eröffnet. Seinen ersten öffentlichen Auftrag 1470 erledigte er mit Bravour: Als Schaustück seines Talents thronte seine „Fortitudo“, die Personifikation der Stärke, im Sitzungssaal des Handelsgerichts. Farbkräftig und plastisch behauptet sich die schöne Frauengestalt im Kreis der anderen Tugenden von der Hand des etablierten Pollaiuolo.

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