Kultur : Santanische Verse - über die Zersplitterung der Pop-Musik (Kommentar)

Harald Martenstein

Heute Abend werden in Los Angeles die Grammys verliehen, das musikalische Gegenstück zum Oscar. Und von Zeit zu Zeit laufen im Radio die All-Time-Hitparaden, 1000 oder 2000 Plätze lang, die größten Hits des Jahrhunderts. Es kommt immer mehr oder weniger dasselbe heraus. Zum Jahreswechsel, bei "Radio eins", lagen wieder einmal vorne: "Stairway to Heaven" von Led Zeppelin, "Satisfaction" von den Rolling Stones und die Beatles mit "Yesterday". Auch Jimi Hendrix, Deep Purple und Pink Floyd sind immer oben. Ein aktueller Hit (Eiffel 65 mit "Blue") hatte sich auf Platz drei dazwischengeschoben, als einziger Neuling unter den ersten acht.

In zwei, drei Jahren, bei der nächsten ewigen Hitparade, wird "Blue" vergessen sein. In der Popmusik hat sich ein Kanon herausgebildet, wie in der Literatur. Songs, die nach 1980 entstanden sind, haben kaum Chancen, in diesen Kanon dauerhaft aufgenommen zu werden. Lou Bega bestimmt nicht. Vielleicht etwas von R.E.M., vielleicht Nirvana. Aber werden zum Beispiel Massive Attack es schaffen (bei Radio eins: Platz 32), sich im kollektiven Gedächtnis zu halten? Die Erfahrung spricht eher dagegen. Auch bei den Grammys gelten die meisten Nominierungen, elf, einem Gitarristen, der schon ziemlich lange auf der Piste ist: Mit dem Album "Supernatural" hat Carlos Santana sich selbst eingeholt. Er ist wieder so populär wie in den Siebzigern, zu den Zeiten von "Black Magic Woman" und "Samba Pa Ti". Die Grammys beweisen, dass auch mit den aktuellen Songs der Gründergeneration jederzeit gerechnet werden muss.

Carlos Santana stammt aus Tijuana, einer Stadt an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, die besonders bei Schmugglern, Gangstern und Zuhältern beliebt ist. Der Vater war Mariachi, ein Gebrauchsmusiker, der bei Hochzeiten spielte und seinem Sohn Geige und Gitarre beibrachte. Mit zwölf absolviert der Junge seine ersten Auftritte als Musiker, in Stripteaselokalen. Bald darauf wandert die Familie nach San Francisco aus. Mit 21 wird der noch unbekannte Santana nach Woodstock eingeladen. 1969. Wie es damals Sitte ist, tritt die Band restlos zugedröhnt vors Publikum. Das reicht, um berühmt zu werden. Santanas Biografie liest sich normal und unauffällig, für einen Mann seiner Generation: In den Siebzigern wird er schwer drogensüchtig und Anhänger diverser Gurus. Heute ist er Vegetarier, Familienvater, bekennender Christ und ein guter Freund von Steffi Graf.

Rock, Jazz, afrokubanische Musik, Blues - bei Santana werden die Stile so lange gemixt, bis sie sich unverwechselbar nach Santana anhören. Ein origineller Eklektiker. Damals, als er anfing, waren die Musikstile nicht sehr weit voneinander entfernt. Santana, Beatles, Stones oder die Doors - unterschiedliche Musiken, unterschiedliche Fans, gewiss, aber es gibt immer noch eine genügend große Schnittmenge für ein gemeinsames Lebensgefühl. Die Fans rivalisieren, aber in den meisten Wohnungen stehen die Platten friedlich nebeneinander - Beatles, Stones, Santana. Erst Mitte, Ende der Siebziger fällt es auseinander, mit dem Punk. Von Phil Collins führt keine Brücke mehr zu den Sex Pistols. Die Popmusik hört auf, einer ganzen Generation zu gehören. Von nun an sind die Hits immer nur Hits für ein bestimmtes Segment des Publikums.

Es gab tatsächlich ein goldenes Zeitalter der Popmusik. Die Musik war damals nicht besser, aber sie war universell. Alle redeten die gleiche Sprache. Sonderbar - die Geschichte von der Zerspitterung der Popmusik erinnert auffällig an einen großen Mythos: an den Turmbau zu Babel. War der Turm von Babel nicht auch als ein "Stairway to Heaven" gedacht? Und war es nicht der menschliche Ehrgeiz, der den Turm einstürzen ließ?

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