Kultur : Sanya, kleiner Sanya

CARLA RHODE

Öde, naßkalte, russische Steppe.Überall Dreck, Pfützen und grauer Schnee, ein unmöglicher Ort, um ein Kind zu gebären.Doch der kleine Sanya erblickt hier das Licht der Welt.Wird er jemals ein behütetes Leben haben? Sanya ist ein Nachkriegskind, seine Mutter Katya (Ekaterina Rednikova) irrt mit ihm allein durchs Land, denn ihr Mann ist im Krieg gefallen.Pavel Chukhrai hat seinen Film den Kindern dieser vaterlosen Generation gewidmet, einer "lost generation - sie beeinflußt das heutige Leben des Landes".Schon aus diesem trüben, hoffnungslosen Anfang mag man seine Schlüsse ziehen.Für Sanya (Misha Philipchuk) wird der Traum von einem normalen Familienleben niemals in Erfüllung gehen.

Eine Zufallsbekanntschaft im Zug beschert ihm einen Ersatzvater.Tolya (Vladimir Mashkov) ist ein gutaussehender Offizier.Katya zögert nicht lange, sich ihm anzuvertrauen, in einer Provinzstadt finden sie in einer Gemeinschaftswohnung Unterschlupf.Für wenige Momente erliegt Chukhrai der Versuchung, dies ärmliche, aber fröhliche Nebeneinander der vielen Menschen als Idylle zu zeigen, doch dann enthüllt sich Tolyas wahre Identität und mit ihr ein Charakter, der auf den Jungen fatalen Einfluß ausübt.Denn Tolya ist nur ein gewöhnlicher Dieb und Betrüger.Die Mitbewohner, denen er Eintrittskarten für einen Zirkus spendiert hat, bringt er während ihrer Abwesenheit um ihre letzte Habe.

Nach diesem Muster schlägt sich das Trio durchs Leben, von Stadt zu Stadt, von Wohnung zu Wohnung, von einem Raubzug zum nächsten.Bald sind die drei ein eingespieltes Team.Mitleid gilt nicht, ebensowenig Achtung vor dem Besitz des anderen, nur wer schlau ist, kommt durch.Eine gefährliche Lebensschule für ein Kind, doch beinahe schlimmer ist es, daß Tolya erwischt und deportiert wird.Wieder steht Sanya ohne Vater da und bald auch ohne Mutter.Katya stirbt an den Folgen einer Abtreibung, ihr Sohn kommt ins Heim.Daß es am Ende in einer pathetischen Schlußsequenz eine moralische Abrechnung gibt, paßt nicht so recht zum Film und seiner fatalistischen Grundhaltung, doch wollte Chukhrai nach soviel Elend und Schmerz wohl einen Hoffnungsfunken übriglassen.

In den Kinos Eiszeit (OmU), Kant und Hackesche Höfe

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