Kultur : Sarajewo, mon amour

„Grbavica – Esmas Geheimnis“: Wie eine bosnische Mutter der heranwachsenden Tochter ihre Herkunft verschweigt

Kerstin Decker

Es wäre schön, nichts vorher über diesen Film zu wissen. Aber seit „Grbavica“ die Berlinale gewann, weiß jeder, worum es geht: um die Massenvergewaltigungen in den Jugoslawienkriegen. Jeder kennt Esmas Geheimnis, bevor er „Esmas Geheimnis“ sieht. Und doch kann dieses Vorwissen dem Film nichts anhaben. Der Verleih hat „Grbavica“ auf jene deutsch-hilflose Art umgetauft, die keine Beiläufigkeiten erträgt. Grbavica. Wir hätten uns an diesem Wort die Zunge gebrochen – na und? Es hätte so gut gepasst.

Grbavica ist der Name jenes Vororts von Sarajewo, den die Serben Anfang der Neunziger zum Lager machten, in dem gefoltert und vergewaltigt wurde. Über Monate. Da ist es schon, das Wort „die Serben“, das jemanden wie Peter Handke wahnsinnig macht. Regisseurin Jasmila Zbanic wurde 1974 in Sarajewo geboren. Sie wohnte damals gleich nebenan. Sie hat sich erst gefreut, als der Krieg kam: Die Matheklausur fiel aus. Und dann ist sie selbst ein Kriegskind geworden. Ein Kriegskind ist man schon, wenn man den dumpfen Ton nicht vergessen kann, mit dem eine Kugel in die Körper dringt. Sie hat ihn im Ohr.

Es ist Jasmila Zbanics lakonischer Blick aufs Alltägliche, aufs Trivial-Auswechselbare, der ihren Film so stark macht. Weil die Risse sich darin umso deutlicher abzeichnen. Eine Mutter allein mit ihrer Teenie-Tochter. Das gibt es überall. Und diese Sara ist genau so ein narzisstischliebenswertes Monster, wie es Kinder heute überall sind (mit derbem Charme: Luna Mijovic). Sara ist ihre eigene Sonne, sie hat sich schon ihr eigenes Planetensystem geschaffen. Und auf einer ziemlich nahen Umlaufbahn kreist das Hilfsgestirn erster Ordnung: ihre Mutter. Esma. Esma, die nach der Arbeit Umwege macht und eine Forelle kauft, weil ihr Kind so gern Forelle isst.

Aber da sind auch Schatten in Saras Welt – nicht die langen Schatten des Krieges. Nein, Ruinen sind hervorragende Spielplätze, und ihr toter Vater ist ein „Schechid“, ein Kriegsheld und Märtyrer. Einen Schechid zum Vater zu haben, ist fast noch besser als ein lebendiger Vater, denn ein Schechid-Vater ist ein Statussymbol. Gefallen im heldenhaften Kampf gegen „die“ Serben. Es genügt nicht, die richtigen Turnschuhe zu haben, man braucht auch den richtigen Vater. Saras Problem ist eher die TussenFraktion, die der Sonne ihre Strahlen brechen will. Auch die gibt es in jeder Schule. Nur gibt es woanders nicht diese seltsame Liste, auf der Saras Name fehlt. Es ist eine Liste der „Schechids“. Wer einen Schechid zum Vater hat, braucht nur die amtliche Bestätigung zu zeigen, und er zahlt weniger für die Klassenfahrt.

Mirjana Karanovic aus Emir Kusturicas „Papa ist auf Dienstreise“ ist Esma, die Mutter, die alles tut für ihr einziges Kind. Mütter sind so, manchmal. Auf dem Boden des Alltags kann man fest auftreten, aber diese Frau scheint wie auf Glas zu gehen. Nicht nur nachts in der Bar, in der sie kellnert, um das Geld für Saras Klassenfahrt zu verdienen. Die volle Summe. Mirjana Karanovic zeigt diese Esma als eine, die sich ganz konzentrieren muss, um ihre Umrisse nicht zu verlieren, um sich selbst nicht verloren zu gehen. Eine Fremde im Alltag.

Sex löst die Grenzen des Individuums auf. Krieg tut dasselbe. Fußball auch. Was dann an die Oberfläche tritt, ist ein archaisches, unterindividuelles Reich, es folgt einer anderen Dynamik. Es sind kollektive Entladungen. Esma reagiert mit mühsam beherrschter Panik auf die sexualisierte Atmosphäre des Nachtklubs. Sie kann sich nicht mehr fallen lassen, nie mehr; sie flieht zurück in ihre Umrisse. Sie ist eine Gezeichnete. Sie war, wir wissen es längst, in Grbavica.

Das Schockierende an den Nachrichten aus Jugoslawien Anfang der Neunziger war, dass das möglich sein sollte mitten in Europa: Soldaten, die Schwangeren die Bäuche aufschnitten. Massenvergewaltigungen. Man nennt das gemeinhin „sexualisierte Gewalt als Kriegsmittel“. Aber das ist eine Sprache des Kalküls, die nichts weiß von der ältesten Dynamik, die dort durchbrach: Sieg über den Feind durch Inbesitznahme seiner Frauen. Denn sie tragen jetzt den eigenen Samen. Und wer ist jetzt eigentlich Sara, im Lager geboren, die vermeintliche „Schechid“-Tochter? Unmöglich, dass sie das erfährt. Unmöglich, dass sie es nicht erfährt.

Egal, ob man Esmas Geheimnis längst weiß. Man weiß gar nichts, man muss das sehen. Wie wird man Mutter eines Feindkinds? Und wird man es ein zweites Mal? Jasmila Zbanic ist bedroht worden von radikalen Serben in Bosnien, aber die Aufführung ihres Films in Belgrad wurde zum Erfolg. Sie hat ja einen Versöhnungsfilm gemacht. Leben heißt, in Mischungen existieren. (Ethnische) Entmischung schien die einzige Lösung der Jugoslawienkonflikte. Aber auch sie ist künstlich. Sara, das (Nach-)Kriegskind, der Bastard. Der Ferienbus ihrer Klasse fährt los. Sie singen „Sarajevo, my love“. Kann sie, darf sie noch mitsingen?

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