Kultur : Sauberes Konzept

In 24 Stunden Hotelwäsche gewaschen zurück – ein erfolgreiches Versprechen

Anne Meyer

Wenn Franz-Josef Wiesemann erzählt, wie alles angefangen hat mit der Firma, dann klingt es im ersten Moment fast aberwitzig: Ich möchte gern eure Handtücher waschen, sagte Firmengründer Hubert Emming Anfang der neunziger Jahre zu den Chefs der Sternehotels in Berlin. Warum nicht, antworteten die, aber wo steht denn eure Wäscherei?

Nun – eine Wäscherei gab es nicht. Die wollte Emming erst bauen, und zwar in Polen, sobald die Verträge unterschrieben waren. Drei Hoteliers ließen sich tatsächlich darauf ein und banden sich an eine Wäscherei, die noch gar nicht existierte. Emming fuhr also nach Polen und baute. Er gründete den „Fliegel Textilservice“, ohne dass er in seinem Leben je etwas mit der Reinigung von Wäsche zu tun gehabt hätte. Heute beschäftigt die Firma 650 Menschen, 420 davon in Polen. Zu der grenzüberschreitenden Erfolgsgeschichte gehören mittlerweile drei weitere Wäschereien in Berlin, Dresden und Leipzig, in den letzten fünf Jahren jeweils 15 Prozent Wachstum und 20 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2008.

Heute, im Nachhinein, wirkt der Gründer wie ein Visionär. „Emming hat damals vorausgesehen, dass Berlin wieder Hauptstadt und Standort für die großen Sternehotels werden würde“, sagt Wiesemann, 57, der den Betrieb von dem 2003 verstorbenen Emming übernommen hat.

So halten seit 1992 Tag für Tag Fliegel-Lkws vor den großen Berliner Hotels. Die Fahrer laden schmutzige Handtücher, Bademäntel und Bettlaken ein und fahren über die Grenze ins 140 Kilometer entfernte Nowe Czarnowo. Frisch gewaschen, gemangelt und gefaltet liegt die Wäsche am nächsten Tag wieder in den Fünf-Sterne-Suiten. Rund um die Uhr arbeiten die Mitarbeiter in drei Schichten. Einzig am ersten Weihnachtstag steht die Wäscherei still.

Er beschreibt, wie die polnischen Arbeiter die Textilien vor der Wäsche sortieren, damit ein ölbeschmiertes Handtuch, das ein Hotelgast nach einer Ayurveda-Massage benutzt hat, nicht zusammen mit einem kaum berührten Bademantel gewaschen wird. Für die leichten Verschmutzungen braucht man nicht so viel Chemie, das spart Waschmittel und schont die Fasern. „Wir gehen auf jeden Sonderwunsch ein: Wenn ein Hotel die Tischdecken ungefaltet haben will, dann hängen wir sie eben glatt über einen Bock und transportieren sie so nach Berlin.“ Auf die individuellen Wünsche der Kunden könnte er nicht eingehen, wenn er in Deutschland waschen würde, glaubt Wiesemann. „Die Handarbeit, das ganze Sortieren, das könnten wir uns hier nicht leisten. Polen als Standort ist alternativlos.“

Wiesemann glaubt zu wissen, warum die Hoteliers damals einwilligten. „Emming war ein guter Kaufmann. Er hatte sein Ohr immer am Kunden und ging auf ihre Bedürfnisse ein.“ Guter Service ist auch Wiesemann das Wichtigste, denn die Kunden heißen Adlon und Hyatt und sind sehr anspruchsvoll. Die Hotelangestellten können bei Fliegel rund um die Uhr Bestellungen aufgeben, im Berliner Büro in der Lützowstraße hebt zu jeder Uhrzeit jemand das Telefon ab.

Wiesemann hat mit seiner Firma schon eine gewisse Bekanntheit erlangt. Viele Medien berichteten über die tägliche Handtuchreise, sogar das französische Fernsehen war schon da. Der deutsche Dokumentarfilm „Die wundersame Welt der Waschkraft“, der aus dem Leben der polnischen Wäscher erzählt, lief auf der diesjährigen Berlinale. Wiesemann ist stolz auf dieses Interesse, auch wenn das Unternehmen nicht durchweg gut dabei wegkommt. Für ihn ist das ein Beweis dafür, dass Emmings Geschäftsidee noch immer Menschen fasziniert.

„Wir wurden dafür geradezu dämonisiert, dass wir in Polen waschen“, sagt Wiesemann. Er kann die Vorwürfe nicht verstehen. „Wie schaffen doch auch hier Arbeitsplätze. Und erst 2007 haben wir 130 Stellen in Leipzig gesichert, als wir dort eine Wäscherei aufgekauft haben.“ Seinen polnischen Angestellten zahlt er ein Gehalt, das deutlich höher ist als der gesetzliche Mindestlohn. Zusätzlich gibt es Prämien für diejenigen, die besonders schnell arbeiten. Das fördere die Motivation. „Wenn ich mit der Gießkanne zahle, strengt sich doch keiner an“, sagt er.

Dass er sich selbst anstrengen muss, steht für Wiesemann außer Frage. „Gerade in Berlin bekommt man als Kunde zu schnell gesagt: Damit müssen Sie jetzt leben.“ Wiesemann, der aus Ostwestfalen kommt, zögert. Er möchte auf keinen Fall der typische Besserwisser aus dem Westen sein. Aber diese „Berliner Eigenart“, mit der viel erklärt wird, wenn es nicht so läuft, wie es sollte, die mag er einfach nicht hinnehmen. Seine Kundschaft jedenfalls honoriert Wiesemanns Arbeitseinstellung. Und so werden wohl auch in den kommenden Jahren tonnenweise Handtücher über die Grenze reisen, Tag für Tag. Außer an Weihnachten.

www.fliegel-textilservice.de

Wir gehen auf

jeden Sonderwunsch ein: Wenn ein Hotel die Tischdecken ungefaltet haben will, dann hängen wir sie eben glatt über einen Bock und transportieren sie so nach Berlin.“

Franz-Josef Wiesemann,

Inhaber von

Fliegel-Textilservice

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