Kultur : Schade, dass wir nicht auf dem Kopf spielen können

Der Sozialwissenschaftler Klaus Theweleit macht seit über 30 Jahren Freejazz – jetzt gibt seine Band eine seltenes Konzert

Peter Laudenbach

Dass Klaus Theweleit, Autor der „Männerphantasien", Jazz und besonders Freejazz mag, kann man bei der Lektüre seiner Bücher ahnen. Mal wird Albert Ayler als Beispiel eines Künstlers erwähnt, der nicht am „Machtpol" angeschlossen ist, mal denkt der produktive Autor darüber nach, ob es eine Form des Schreibens gibt, die dem „Stolpern" von Thelonius Monks Klavierspiel ähnelt. Im „Buch der Könige" feiert Theweleit den freien Jazz des Sun Ra Arkestras oder des Art Ensemble of Chicago. Denn sie hätten mit dem Verzicht auf eine durchgängige Bassstimme „die Auflösung verschiedener dominanter männlicher Produktionspaare am Grunde der Musik, die dort 350 Jahre geherrscht und die Gangart angegeben haben", bewirkt. Genau darum geht es auch in Theweleits eigenem Werk: Um die Auflösung von Machtstrukturen. Wenn es so etwas wie sozialwissenschaftlichen Freejazz gibt, kommt ihm Theweleit mit seinen ausschweifend mäandernden Theorie-Geschichts- Fundstücken-Psychoanalyse-Literatur-Musik-Büchern am nächsten.

Dass der Freiburger Sozialwissenschaftler seit gut 30 Jahren selbst Musik macht und dabei in ziemlich extreme Regionen vorgestoßen ist, war bis vor kurzem nur einer handvoll engerer Vertrauter Theweleits bekannt. Denn öffentlich aufgetreten ist das Improvisationskollektiv all die Jahre praktisch nie. Seit 1969 trifft sich Theweleit einmal die Woche mit einigen Freunden im Keller seines Hauses, jeden Freitag von halb sechs bis um acht. Früher waren es mal acht, mal fünf Musiker. Die drei, die jetzt – nun auch schon seit mehreren Jahrzehnten – übrig geblieben sind, nennen sich BST, eine Abkürzung ihrer Nachnamen: Walter Berger, Christian Schäfer, Klaus Theweleit.

Was bei den wöchentlichen Sitzungen im Probenkeller entsteht, hat mit tonalen Strukturen, geordneten rhythmischen Abläufen, Melodiebögen oder vertrauten Harmonien denkbar wenig zu tun. „Wir bemühen uns, die Instrumente vorher nicht zu stimmen", sagt Theweleit. Lieber bearbeitet man alles mögliche zur Klangerzeugung, Bierflaschen zum Beispiel oder ein Klavier ohne Tasten. Aber auch vertraute Freejazz-Patterns wie expressive Bläsersätze oder gegeneinander laufende Rhythmisierungen tauchen in den massiven BST-Soundskulpturen nicht auf.

Es ist nicht so, dass irgendeine Ordnung mit schroffer Geste destruiert werden müsste. Das liegt vor allem daran, dass sich in den Sound-Feldern von BST erst gar keine erkennbaren, in sich hierarchisierten Ordnungsmuster verfestigen. „Strukturen entstehen immer", sagt Theweleit. Nur werden sie bei BST nicht gehärtet und fixiert. Sie verschwinden mit ihrem Entstehen, sie lösen sich in ihrer Entwicklung auf. Wobei das auf denkbar hohem Energie-Niveau abläuft. Man muss diese Musik sehr laut hören.

Es geht, beim Hören und erst recht beim Machen, nicht um Kontemplation oder den Genuss am Chaos, sondern um Teilhabe – und letztlich um die Frage, wie Menschen miteinander umgehen. „Es hat etwas Selbstvergessenes", sagt Theweleit, „gleichzeitig merkt man, wenn man sich die Bänder anhört, wie wir aufeinander reagiert haben, ob man den anderen ausreden lässt, auf seine Motive reagiert, ob etwas wie ein miteinander entsteht oder ob man die anderen platt macht."

Bislang haben BST erst eine einzige CD eingespielt, die vor einem Jahr beim Kölner Supposé-Label erschien. Der Titel benennt in schöner Doppeldeutigkeit die beiden Pole, zwischen denen sich der feingesponnene Krach bewegt: „Viosilence". Gewalt und Stille. „Die Musik muss nichts beweisen", sagt Theweleit, „sie beweist höchstens, dass wir gut drauf waren beim Spielen." Es geht dem 60-jährigen Autodidakten nicht um Wohlklang („Das Wohltemperierte finde ich leer"), sondern um eine offene Form, darum, „sich von den harmonischen Schemata zu lösen". Und zum Beispiel um einen euphorischen Satz und eine reale Erfahrung von Albert Ayler: „Music is the healing force of the universe."

Ihren Anfang nahmen diese kollektiven Improvisationen mit der Auflösung des Freiburger SDS. Es ging darum, neue Kollektivzusammenhänge zu entwickeln und nicht im „Binnenterror" (Theweleit) der dogmatischen K-Gruppen zu landen. Fast genauso wichtig wie das gemeinsame Improvisieren war das anschließende Abhören der mitgeschnittenen Bänder und die sich daraus ergebenden Diskussionen. Wobei es dabei nicht nur um Musik, sondern um Politik, Lebensweisen, Literatur, ästhetische und revolutionäre Strategien ging, also um eine fortgesetzte, undogmatisch anti- autoritäre Selbstaufklärung. Musik als Katalysator, ein Brennglas, unter dem sich alle relevanten Fragen bündeln, zum Beispiel die Frage, wie man leben will und wie man nach dem Abflauen der Studentenbewegung nicht zynisch, karrieristisch oder depressiv wird.

„Wir waren wahrscheinlich die ersten in Deutschland, die Ende der Sechzigerjahre, das Art Ensemble of Chicago kannten", erzählt Theweleit. Lester Bowies Band war ein starker Einfluss, dazu kamen Sun Ra, Ayler und vor allem der Gigant John Coltrane. Fünfmal hat Theweleit das Sun Ra Arkestra gesehen, jedes Konzert eine Offenbarung. „Uns“, gemeint sind BST, „fehlt allerdings dieses afrikanische Element von Sun Ra." Manchmal sind in den Improvisationssitzungen im Freiburger Übungskeller Coltrane-Fetzen aufgetaucht wie halb vergessene Glücksmomente, unwillkürliche Emphaseausbrüche, aber dann waren die eigenen Wege doch interessanter als die Imitationen.

Die Rockmusik, Dylan, Velvet Underground, Hendrix, der frühe Elvis, auf die in Theweleits Texten sehr viel ausführlicher eingegangen wird, mögen zwar intellektuelle Fixpunkte sein, für das eigene Musikmachen spielen sie eine erheblich kleinere Rolle. Hendrix-Soli nachzuspielen, war in Theweleits Probenkeller nicht angesagt. Lieber probierte man, was für Klänge sich mit einem Luftballon produzieren lassen. „Da entsteht eine fantastische Soundbreite, ein Stück von zwanzig Minuten haben wir auf diese Weise gemacht." Auf der CD und wohl auch, wenn das Trio am Sonnabend in der Volksbühne eines seiner seltenen Konzerte gibt, schrumpft das Instrumentarium auf diverse Percussioninstrumente und elektronisch verstärkte Geige, Cello und Gitarre, wobei die ungestimmte Gitarre nicht gezupft, sondern auf den Knien liegend mit einem Geigenbogen gestrichen wird. Und Noise ist gar kein Ausdruck für das, was dabei entsteht.

„Natürlich hat das Musikmachen die Arbeit an den Büchern, die Texte beeinflusst", erzählt Theweleit. „Nicht unbedingt thematisch, eher in der Struktur. Was entsteht, sind aufgelöste Großformkonzepte." Wie guter Freejazz entwickeln sich die Gedankengänge und Beobachtungen in Theweleits Büchern (zuletzt: „Der Knall" mit zwei Essays über den 11. September) nicht linear, sondern abzweigend, improvisierend, auf Um- und Nebenwegen. Und wie im Klangkollektiv entwickelt er als Autor ein extrem feines Gehör für Nebenbedeutungen, Anklänge, die unter der semantischen Oberfläche mitgeschleift werden. „Musik? Die Verfertigung der Klänge beim Spielen, wie MC Kleist gesagt hat", bringt Theweleit diese Analogien trocken auf den Punkt.

Am Sonnabend wird man ihn und BST in der Volksbühne beim Verfertigen von Klängen erleben können. Zwischendurch unterhält sich Diedrich Diederichsen, ein BST-Fan, mit Theweleit.

BST: morgen, 22 Uhr 30 in der Volksbühne.

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