Schäuble und Barenboim im BE : "Die Kunst des Führens" oder entspannte Dialektik

Beide tragen viel Verantwortung. Jetzt haben sich Wolfgang Schäuble und Daniel Barenboim im Berliner Ensemble getroffen, um über die "Kunst des Führens" zu reden.

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Dirigent Daniel Barenboim.
Dirigent Daniel Barenboim.Foto: dpa

Wolfgang Schäuble und Daniel Barenboim, der musikliebende Politiker und der politisch engagierte Musiker, respektieren einander; zudem schließen ihre unterschiedlichen Betätigungsfelder jede direkte Konkurrenz aus. Mit einem scharfen Streitgespräch ist also nicht zu rechnen, wenn sich beide im Berliner Ensemble auf Einladung des Magazins „Cicero“ begegnen, um über die Kunst des Führens zu sprechen. Womit aber dann?

In der modernen Demokratie müssen Politiker, die als charismatisch und zugleich seriös gelten wollen, durch das Nadelöhr einer Paradoxie: Wer selbstbewusst auftritt und demonstrativ die Beliebtheit bei der Bevölkerung ausspielt, gilt schnell als gefallsüchtig und egoistisch. Wer sich den Mühen der Ebene verschreibt und auf bloße Sachkompetenz setzt, muss sich den Vorwurf der Gesichtslosigkeit und bürokratischen Borniertheit gefallen lassen.

Unter diesen Bedingungen verfügt Schäuble, den Umfragen seit Jahren als einen der beliebtesten Politiker ausweisen, über ein beträchtliches Charisma, das sich durch ein Pathos der Nüchternheit, leidenschaftliche Rationalität, die Balance von Entschiedenheit und Nachdenklichkeit auszeichnet.

In der Kunst und besonders beim Beruf des Dirigenten hat es nie eine vergleichbare Krise der charismatischen Persönlichkeit gegeben. Das prägt schon den Habitus beider Männer: Schäuble konzentriert vorgebeugt, mit seinem dialektgefärbten Deutsch ein Muster von regionaler Bodenhaftung und Weltläufigkeit zugleich, der polyglotte Maestro entspannt zurückgelehnt mit sicherstem Gespür für Pointen und wirkungsvolle Fermaten.

Inhaltlich wird man sich schnell einig: Moderne Führungsqualität zeige sich, so Schäuble, in einer Mischung aus „Mut und Demut“, Barenboim meint dasselbe, wenn er von einem „ständigen Wechselspiel zwischen essenziell notwendiger Bescheidenheit und Selbstsicherheit“ spricht - auch wenn sich beide als Diener verschiedener Herren verstehen: Gilt die Demut im einen Fall doch dem Gemeinwesen, im anderen den Intentionen des Komponisten.

Konsensfähig ist wohl Barenboims Direktive, Ambition dürfe Begabung niemals überschreiten, auch wenn sich daraus kaum konkrete Handlungsanweisungen ableiten lassen dürften. Weil die Moderatoren Christoph Schwennicke und Frank A. Meyer auf inhaltliche Zuspitzungen verzichten, erlebt man eine Stunde entspannter Dialektik. Schon am Nachmittag sieht man sich in der Staatsoper wieder, wenn Schäuble im Publikum sitzen und Barenboim Wagners „Tannhäuser“ dirigieren wird – ein Werk, bei dem der versuchte Ausgleich von Gegensätzen bekanntlich misslingt.

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