Kultur : Schallen

René Jacobs in der Philharmonie

Frederik Hanssen

Was waren das für selige Zeiten, als die Leute noch wussten, warum das eine gut, das andere aber böse sein muss. Die anrührendsten Musikdokumente dieser schon aufgeklärten, aber noch vorindustriellen Epoche in Zentraleuropa sind zweifellos Joseph Haydns Oratorien „Die Schöpfung“ und „Die Jahreszeiten“. Mehr noch als Haydns Sinfonien künden diese beiden Werke von einem intakten System, und der Freude, sich darin mit geistvoller Beredtheit und dem feinen Blick für feine Details zu bewegen. Haydn zeichnet in den beiden Oratorien das Bild einer Idylle, ganz nah an Voltaires „bester aller Welten“, in der Mensch und Tier friedvoll miteinander leben können.

René Jacobs und das Freiburger Barockorchester bekannten sich bei ihrer Interpretation der „Jahreszeiten“ in der Philharmonie uneingeschränkt zu Haydns naiv-bejahender Lebenshaltung, reizten all die niedlichen Klangeffekte von den springenden Lämmern und schwärmenden Bienen bis zum obligatorischen Salongewitter lustvoll aus.

Etwas distanzierter blieb der RIAS-Kammerchor, wenn es darum ging, sich in tanzende Bauernbuben und Flachs spinnende Mägdelein zu verwandeln. Dafür entfalteten sie allerfeinsten klanglichen Rokokoglanz. Von hohem Seelenadel auch die drei Solisten: Marlis Petersen ließ alle Strahlen der Sonne in ihrem Sopran erglänzen, Markus Volpert kündete mit edlem Baritonschmelz von den Freuden des Landlebens, Werner Güra unterstrich mit meisterlicher Textausdeutungskunst seinen Ruf als derzeit bester Mozart-Tenor deutscher Zunge. Dafür, dass Haydns fast dreistündiges Lobpreisen an diesem umjubelten Abend niemals ermüdete, garantierte René Jacobs nie versiegender Energiestrom: Als kongenialer Nach-Schöpfer formte er mit seinen Händen eine ebenso liebliche wie lebendige Welt, die von innen heraus leuchtete.

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