Kultur : Schattenwesen der Sprache

Steffen Richter

über unsichtbare Personen in einem schalltoten Raum Wussten Sie eigentlich, dass im letzten Jahr mehr als 61000 neue Bücher auf den Markt gekommen sind? Dass von den gut 9000 Belletristik-Titeln fast ein Drittel Übersetzungen waren? Die meisten Literatur-Übersetzer arbeiten im Schweinsgalopp und treiben die Selbstausbeutung an die Grenzen des Zumutbaren. Nur spricht von ihnen fast niemand.

Der Übersetzer, hat der ehemalige Vorsitzende seines Berufsverbandes Burkhart Kroeber geschrieben, ist eine „unsichtbare Person in einem schalltoten Raum“. Kroeber weiß, wovon er spricht. Er hat nicht nur Umberto Eco ins Deutsche gebracht, sondern auch Italo Calvino übertragen, Manzonis „Die Brautleute“ neu übersetzt und dabei das in der Branche übliche Schicksal erlitten: in vielen Buchbesprechungen werden sie schlicht übergangen. Zudem wird ihre Arbeit oft jämmerlich bezahlt, obwohl vor zwei Jahren das neue Urhebervertragsrecht in Kraft trat, das ihnen eine „angemessene Vergütung“ garantieren sollte.

Dabei ist der literarische Sprachtransfer nicht nur ein unerlässliches, sondern auch ein faszinierendes Gewerbe. Gerade in letzter Zeit haben etliche Neuübersetzungen für Furore gesorgt. Dass die Erzählungen aus „Tausendundeiner Nacht“ eigentlich nur 282 Nächte umfassen, lernen wir von der Orientalistin Claudia Ott . Ihre kürzlich erschienene Neufassung (C.H. Beck) hat der ältesten Handschrift nachgespürt. Darin findet sich nichts von Aladin und seiner Wunderlampe, nichts von Ali Baba und den vierzig Räubern. Das waren Dreingaben, die sich der Franzose Antoine Galland vor 300 Jahren erzählen ließ, um die Geschichten bis zur 1001. aufzufüllen.

Immer wieder steht der Übersetzer zwischen den Alternativen, wortgetreu oder sinngemäß zu verfahren. Im besten Fall gelingt ihm beides. Was aber tut er mit unübersetzbaren Wortspielen, Slang oder Zitaten? Schnell wird da der traduttore zum traditore, der Übersetzer zum Verräter. All das dürften Fragen sein, die am 23.7. im LCB zur Sprache kommen. Dort nämlich wird zum fünften Übersetzertag eingeladen, und Burkhart Kroeber befragt seine Kollegin Claudia Ott (16 Uhr). Anschließend diskutieren die Übersetzer Bernhard Robben, Reinhard Kaiser und Hinrich Schmidt-Henkel das knifflige Problem der Übersetzungsqualität (17 Uhr). Ab 20 Uhr geht das kabarettistische Programm „Black Box in Babylon“ dem Übersetzer als einem „unbekannten System“ auf den Grund. Dort wird man vielleicht endlich erfahren, wie er wirklich zustande kommt – der neue Pynchon, Stasiuk oder Eco.

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