Kultur : Schatz im Quecksilbersee

Andreas Steinbrück

Wo liegt Zentralasien? Ein paar Ländernamen fallen einem vielleicht ein, hauptsächlich weil es Nachbarländer Afghanistans sind: Usbekistan, Tadschikistan. Aber emotional, kulturell? Für uns Mitteleuropäer sehr weit weg.

Wo liegt Zentralasien? Musikalische, filmische, wissenschaftliche und literarische Antworten auf diese Frage versucht das Haus der Kulturen der Welt mit der Veranstaltungsreihe "Abseits der Seidenstraße". Sherboto Tokombaev ist ein kirgisischer Schriftsteller, einer von vier zentralasiatischen Dichtern, die im Haus der Kulturen der Welt auftreten. Lauscht man seinem Text "An der Schwelle zu Asien" - in deutscher Übersetzung vorgetragen vom Berliner Regisseur Frank Arnold - dann erschließt sich dem Zuhörer eine fremde Welt. Fremd vor allem deshalb, weil die Literatur Tokombaevs stark in den ländlichen Traditionen seiner Heimat wurzelt und einen geografischen Ort zu einem mystischen macht: den Issyk-Kul-See, dessen Wasser "nachts wie Quecksilber aussieht." Der Text ist eine Mischung aus Reflexion und Poesie, aber auch harschen Einbrüchen der Gegenwart. Tokombaev hat ihn anlässlich eines Schriftstellerkongresses geschrieben, zu dem sich an jenem See zentralasiatische Dichter trafen. Tokombaev schreibt seine Gedichte und Geschichten nicht in Kirgisisch sondern in Russisch, weil es "die Sprache ist, in der er denkt". Sein Name hat in Kirgisistan einen guten Klang, vor allem wegen seines Großvaters Ali Tokombaev, der einer der letzten mündlichen Erzähler des "Manas" war, des großen kirgisischen Volksepos. Damit wurde dem 1974 geborenen Sherboto Tokombaev das Erzähltalent in die Wiege gelegt. Es sei jedoch äußerst schwierig, als Schriftsteller in Kirgisistan zu leben, erzählt Tokombaev bei der Podiumsdiskussion. Er finanziert das Verlegen seiner Bücher bisher selbst. Seinen Lebensunterhalt verdient der ausgebildete Journalist zur Zeit als Manager einer Firma, die Autobatterien herstellt. Kirgisische Literatur - damit verbinden Mitteleuropäer vor allem Tschingis Aitmatow, dessen Werke ("Dshamila", "Ein Tag länger als ein Leben") berühmt wurden.

Aitmatow? Sherboto Tokombaev ist nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen. Er würdigt ihn zwar als großen Dichter, begrüßt es aber gar nicht, dass er im Ausland lebt. "Der kommt jedes Jahr für ein paar Tage nach Kirgisistan, wird groß gefeiert und sondert Botschaften an das kirgisische Volk ab. Das ist eher lächerlich."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben