Schaubühne Berlin : "Fear" siegt über die Angst von AfD und Pegida

Ein Gerichtstermin wie ein Dramolett: Die Schaubühne wehrt eine Einstweilige Verfügung gegen Falk Richters Polit-Stück „Fear“ ab. Das Stück darf unverändert gespielt werden.

Peter von Becker
Szene aus der umstrittenen Inszenierung „Fear“ von Falk Richter an der Berliner Schaubühne.
Szene aus der umstrittenen Inszenierung „Fear“ von Falk Richter an der Berliner Schaubühne.Foto: dpa

Das hat die Trutzburg des alten Berliner Kammergerichts am Tegeler Weg wohl lange nicht mehr erlebt. In den viel zu kleinen Sitzungssaal 143 im ersten Stock drängeln Theaterleute, Juristen, Journalisten und in Schulklassenstärke junge Leute, vornehmlich Studenten, die zwei Stuhlreihen reichen bei weitem nicht aus. So lagert sich das zunächst stehend gequetschte Publikum bald auch am Boden. Und staunt.

„Völliger Unsinn!“ – „Schämen Sie sich! – „Das ist ja unerhört!“: Unter den Protagonisten herrscht in der stickigen Atmosphäre schnell ein gereizter Ton, ab und an auch ein Zug von restsouveränem Sarkasmus. Mittags, als sich das Gericht zur Entscheidungsfindung zurückzieht, erscheint der Ausgang ziemlich offen.

Kein Krieg der Sterne. Aber ein Scharmützel der Stars. In der Saalmitte um einen runden Tisch gruppiert die Direktion der Berliner Schaubühne, Friedrich Barner, der Verwaltungschef, und als künstlerischer Leiter Thomas Ostermeier, dazu der Hausautor und Regisseur Falk Richter. Der Vorsitzende Richter am Landgericht Michael Mauck kennt die Herren erstmal nicht, und man spürt sofort: andere Welten. Für die Theaterleute auch ein Stück Realitätsberührung.

Was unter den Geschäftszeichen 27 O 638/15 und 658/15 verhandelt wird, sind die gleichlautenden Begehren von Hedwig von Beverfoerde, fernsehbekannte Hausfrau und Sprecherin der konservativen familienpolitischen Bewegung „Demo für alle“, sowie der Europa-Abgeordneten und Vizevorsitzenden der AfD Beatrix von Storch. Die beiden wollen, dass in der seit Oktober an der Schaubühne gezeigten Uraufführungsinszenierung von Falk Richters Stück „Fear“ keine Fotos mehr von ihnen gezeigt werden. Im Fall von Beverfoerde hatte das Gericht bereits eine entsprechende Einstweilige Verfügung gegen die Schaubühne erlassen. Nun wird der Widerspruch dagegen verhandelt. Beatrix von Storch, gleichfalls familienpolitisch und in Genderfragen rechtskonservativ exponiert, zieht hier nach.

Tatsächlich ist „Fear“ eine zweistündige Collage aus Schauspiel und Tanz, Musik, Toneinspielungen, Fotos und Videoprojektionen von Pegida-Demonstrationen, rechtsextremen Reden und Randalen. „Fear“ meint die Phobien einiger Berliner Hipster: angesichts dessen, was im Internet und in der Realität auf sie einbricht an neuem und altem Populismus, an Fremdenfeindlichkeit und dem Fremden, Panischen auch bei ihnen selbst. Bei den Betrachtern dies- und jenseits der Bühne.

Den Akteuren, die ihre eigenen Schauspieler-Namen tragen, erscheinen die aus der Realität genommenen Gesichter und Ideen als Ausgeburten von Zombies, und zum Kreis der möglichen Untoten gehören auf Abbildungen Marie Le Pen, Ungarns Orbán, Horst Seehofer, Beate Zschäpe, Frauke Petry, Pegidas Bachmann, der Massenmörder Breivik und viele andere. Eine wilde Mischung, darunter auch die beiden Antragstellerinnen.

Am 3. November, kurz nach der Premiere, war es in einer „Fear“-Vorstellung bereits zu einem Eklat gekommen, als der AfD-Sprecher Christian Lüth im Publikum ohne Genehmigung Videoaufnahmen machte, bis ihm ein Schauspieler mit dem Rausschmiss drohte. Worauf Lüth eine Prüfung juristischer Schritte ankündigte.

Kaum hat die Verhandlung begonnen, muss sie unterbrochen werden

Persönlichkeitsrechte stehen also vor Gericht gegen die Freiheit der Kunst. Diese verteidigen Johannes (in der Branche: „Johnny“) Eisenberg und seine Kollegin Stefanie Schork. Eisenberg verweist sogleich auf einen Schriftsatz, den „habe ich gestern morgen um 7 Uhr 30 auf dem Weg zum Flughafen hier in der Geschäftsstelle abgegeben“. Der Vorsitzende und zwei richterliche Beisitzerinnen erfahren davon erst jetzt. Kaum hat die Verhandlung begonnen, muss sie unterbrochen werden, eine Justizangestellte wird gebeten, den Schriftsatz zu suchen, Rechtsanwalt Eisenberg bietet als überbrückende Lektüre eine Kopie aus seiner Handakte an. Im Publikum murmelt jemand die Stichworte Lageso, BER.

Dann tritt für die anwesende Frau von Beverfoerde („Ich bin geschockt“) der Anwalt Jan Hegemann aus der Societät des Kunstförderers Peter Raue auf. Eben beginnt er, der gerade vom nunmehr aufgefundenen Schriftsatz der Gegenpartei überrascht wurde, mit seinen Ausführungen, da unterbricht ihn der Kollege: „Herr Professor Hegemann, das stimmt nicht ...“ Es ist wie in dem berühmten Theaterwitz: Der Vorhang geht auf, der Kritiker sagt: „Schon falsch.“ Hegemann rügt: „Herr Kollege Eisenberg, Sie versuchen mir das Wort zu entwinden, bevor ich es richtig ergriffen habe.“

Die Rechtsanwälte Hegemann und Eisenberg sind Branchen-Stars

Nun sollte man wissen: Die Advokaten Hegemann und Eisenberg sind durchaus zwei Stars der Branche, sie duzen sich wohl eigentlich (so in einem weniger beachteten Moment), aber hier treffen zwei hocheloquente Forensiker aufeinander, die schon im Auftreten kaum verschiedener sein könnten: H. aus Mitte elegant, formbewusst im blauen Blazer mit Goldknöpfen und Schlips unter der schwarzen Robe. E. aus Kreuzberg in Jeans, offenem Hemd und Pullover unterm karierten Sakko, keine Robe (das ist in Berlin erlaubt), und im Unterschied zu Hegemann tritt er kaum an den Richtertisch, bleibt bei seinen Mandanten, redet im Sitzen.