Schaubühne : Nur das Wetter macht noch der liebe Gott

Die Schaubühne erinnert an den großen Regisseur Klaus Michael Grüber, der im Juni gestorben ist. Seine Genauigkeit, Arbeitsweise und Stille sind präsent.

Andreas Schäfer

Sonntag, Schaubühne am Lehniner Platz, Erinnerungen an den am 22. Juni verstorbenen Theater- und Opernregisseur Klaus Michael Grüber. Auf der schwarzen Bühne sitzen Imogen Kogge, Jutta Lampe, Edith Clever, Peter Fitz, Werner Rehm und Udo Samel und sprechen, befragt von Peter von Becker, über ihre Zusammenarbeit, ihre Erlebnisse mit Grüber. Aber Sprechen ist das falsche Wort. Sie stocken mehr, sie brechen im vorsichtigen Reden ab.

Peter Fitz: „Wir tauschen hier Anekdoten aus, mit denen man dem Weltgeist Grüber niemals gerecht werden kann.“ Denn vorher hat Grüber selbst gesprochen, in dem Dokumentarfilm „L’Homme de passage – Der Regisseur Klaus Michael Grüber“ von Christoph Rüter, der ihn bei Proben an der Schaubühne (für die er seit Anfang der Siebziger 25 Mal gearbeitet hat), an der Freien Volksbühne (wo er unter anderem „Faust“ mit Bernhard Minetti herausgebracht hat) und in Paris zeigt (wo er lange wohnte). Aber Sprechen ist auch hier das falsche Wort. Grüber beginnt Sätze, ohne sie zu beenden, nimmt seine Hände, um zu vermitteln, wofür es keine Worte gibt. Und wenn die Schauspieler noch immer nicht verstehen, kommt er auf die Bühne, steht wie ein Schattenschauspieler neben ihnen, berührt sie, bis auch die letzte Pose von ihnen gefallen ist und das „reine Wort“ spürbar wird, das einen Blick auf Seelenlandschaften offenbart.

Einmal erklärt er Martin Wuttke, der in der Schaubühnen-Inszenierung von „Iphigenie“ 1998 Orest spielt, wie er das Wort „Asche“ sprechen soll. Wuttke nickt und wiederholt, aber der Firnis der Eitelkeit will nicht verschwinden, während sich Ratlosigkeit in Grübers Lächeln schleicht. Für sein Pariser Regiedebüt 1975 in der Salpetrière lässt er die Schauspieler, weil er mit ihrem Gang unzufrieden ist, eine Woche lang gehen, bis das Ensemble revoltiert. Der Schauspieler André Wilms erzählt, wie Grüber sagte: „Ich bin in einer Stunde wieder da. Wer aufhören will, ist dann bitte weg.“ Niemand ist gegangen.

Es sind bei dieser Matinee nicht nur Grüber, seine Genauigkeit, seine demütige Arbeitsweise anwesend – die mysteriöse Stille seiner Arbeiten selbst steht im Raum, die niemand zerreden mag. „Was soll man jetzt noch sagen?“ fragt Edith Clever. „Er hat oft nein gesagt. Wer liebt, verneint“, sagt Jutta Lampe. Und Peter Fitz bringt es auf den notgedrungen anekdotischen Schlusspunkt: „In einer Probenpause stand mal das Dach der Volksbühne offen, und als Klaus wiederkam, sah er das sich ständig verändernde Tageslicht. Begeistert sagte er zu seiner Assistentin Ellen Hammer: „Genau so!“ – „Das ist unmöglich. Für’s Wetter ist der liebe Gott zuständig.“ Worauf Grüber wutentbrannt den Saal verlassen habe. Andreas Schäfer

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