Kultur : Schauplätze des Verbrechens Teresa Margolles’ Installationen in Kassel

Oliver Heilwagen

Blut, Schweiß und Tränen: Teresa Margolles verwandelt Körperflüssigkeiten in Kunst. 2002 stellte die Mexikanerin in die Berliner Kunst-Werke eine goldbronzen glänzende Wand: Sie war mit Körperfett bestrichen, das sich reiche Landsleute hatten absaugen lassen. Auf der Biennale 2009 ließ die ausgebildete Gerichtsmedizinerin alle Böden des mexikanischen Pavillons mit Leichen-Waschwasser wischen: Spurenelemente von Toten versiegelten die Terrazzo-Böden.

Auch in der Kunsthalle Fridericianum zeigt Margolles ein Werk von makaberer Schönheit: Mit Glassplittern, die sie an Schauplätzen von Verbrechen fand, hat sie Ketten, Armbänder und Uhren besetzt. Diese Juwelen funkeln verführerisch in Vitrinen. Hinter ihnen sind die Lebensläufe der Personen aufgelistet, die an den Tatorten starben.

Während „Joyas“ in einem abgedunkelten Kabinett präsentiert wird, verlangt die titelgebende Arbeit „Frontera“ nach Tageslicht. 40 mit Erde und Körperflüssigkeit getränkte Tücher verhängen die Fassade des Fridericianums. Sie sollen den Musentempel metaphorisch bluten lassen, sobald Regen sie auswäscht – noch ist es dafür zu kalt.

Allein diese beiden Werke changieren schillernd zwischen Luxus und Leid, indem sie vorführen, wie beide einander bedingen. Die übrigen Exponate beschwören Tod und Verlust als factum brutum, so roh und krass wie die Gewalt selbst. Leichen-Waschwasser tropft auf beheizte Stahlplatten, verdunstet und hinterlässt Sedimente wie Kalkränder.

Zwei Mauern, vor denen Opfer des Drogenkriegs in Mexiko erschossen wurden, weisen Einschusslöcher wie Wundmale auf. Einen Schnitt in die Saalwand spachtelte Margolles mit dem Körperfett von Ermordeten zu. Gegenüber hat sie die Parole „Ya Basta Hijos de Puta“ in die Wand gemeißelt; die Worte „Genug, ihr Hurensöhne“ trug der Rumpf einer Enthaupteten in Tijuana. Doch der rüde Appell verhallt folgenlos, da er nichts erklärt – auch wenn er in Stein gehauen wird.

Margolles’ minimalistische Installationen können faszinieren, wenn sie Relikte menschlicher Leiber zu exzentrischen Arrangements kombiniert: Ihre morbide Anmut verstört nachhaltig. Dagegen fallen die objets trouvés, die sie als Mementos für die Toten anhäuft, spürbar ab: Ihr kruder Naturalismus bedient voyeuristische Impulse, ähnlich der dubiosen Nekrophilie des „Plastinators“ Gunter von Hagen. Das Echte ist eben nicht immer das Wahre. Oliver Heilwagen

Bis 20. Februar mittwochs bis sonntags 11-18 Uhr in der Kunsthalle Fridericianum, Kassel; vom 27. Mai bis 21. August 2011 im Museion, Bozen.

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