Schauspielerin Gisela May : Widerspenstig sei mein Sinn!

Christoph Funke

Als junge Schauspielerin hat Gisela May um die kindlich-lieblichen, die tränenreich-gefühlvollen Rollen einen Bogen gemacht. Gretchen und Julia waren ihre Sache nicht. Sie hatte Lust auf die Widerspenstigen – von Hauptmanns Leontine über Sternheims Fanny Krull bis zu Shaws Eliza und Lessings Minna von Barnhelm. Und diesem Bekenntnis zu nicht angepassten Frauen ist sie seit nunmehr sechs Jahrzehnten treu geblieben.

Gisela May hat immer versucht, ihren Figuren auf den Grund zu kommen. Aber sie verlor dabei nie den Spaß daran, auch das Verschrobene und Verrückte deutlich zu machen. An ihr war immer zu beobachten, was Brecht vorschwebt: eine Figur zu zeigen, als stehe man neben ihr, und sie doch mit sinnlichem Leben zu erfüllen.

Es war folgerichtig, dass Gisela May, am 31. Mai 1924 in Wetzlar geboren, nach Anfängerjahren in Leipzig, Dresden, Schwerin und Halle und einer guten Zeit mit Wolfgang Langhoff und Wolfgang Heinz am Deutschen Theater (1951–1962) im Berliner Ensemble landete. Hier konnten ihre Klugheit und ihr Witz, ihre gestische Exaktheit und ihre Vielseitigkeit voll zur Entfaltung kommen, auch wenn das im Schatten von Helene Weigel alles andere als einfach war.

Und sie traf am Brecht-Theater noch einmal mit Wolfgang Langhoff zusammen. In der legendären Inszenierung der „Tage der Commune“ (Wekwerth/Tenschert) spielte Gisela May die Madame Cabet, Langhoff übernahm 1963 als Gast die Rolle des Commune-Delegierten Pierre Langevin. Ein Schauspieler-Fest. Die beiden Komödianten wetteiferten miteinander in Güte und List, in Tapferkeit und Lebensfreude. Ihre Interpretation der gütigen, listigen Mütterlichen und des schlicht und neugierig gebliebenen Politikers brachten einen glücklichen geschichtlichen Moment zum Leuchten – die bald schon wieder zerstörte Utopie eines freien Daseins.

1978 spielte Gisela May auch die Mutter Courage. Es war ein Ereignis, weil diese Händlerin Spaß an ihrer Arbeit hatte, weil sie überlegen war und erotische Anziehungskraft besaß. Gisela May, so schien es, durchschaute die Wirren des Dreißigjährigen Krieges genauer, als der Figur zugemutet werden konnte.

Ruhm und internationale Anerkennung erwarb sich Gisela May aber besonders als Chansonsängerin, als Diseuse und Interpretin von Brecht, Tucholsky oder Kästner. Der Abschied vom alten Berliner Ensemble ist ihr schwer gefallen, und es dauerte, bis Claus Peymann und die Seinen von ihrem überragenden Können Kenntnis nahmen und die bisher letzte Mutter Courage des Brecht-Theaters zu einem umjubelten Liedprogramm an den Schiffbauerdamm zurückholten.

Lust auf Arbeit hat Gisela May noch immer – die Gesundheit, die sie dafür braucht, eroberte sie sich zurück, zäh, tapfer, wie ihre Figuren sind. Am morgigen Pfingstmontag feiert die Unerschrockene ihren 80. Geburtstag.

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