Kultur : Scheiden tut weh

Vor Gerhard Schröder sind schon sechs andere Kanzler gegangen – freiwillig tat es keiner.

Sibylle Krause-Burger

Es muss etwas Wunderbares sein, auf dem Stuhl eines Kanzler dieser Republik zu sitzen: im Besitz allen Herrschaftswissens, umgeben von dienstbeflissenen Beamten, umschwärmt von der Meute der Medien, verehrt von den Massen. Rund um den Globus schüttelt man den anderen Staats- und Regierungschefs die Hand, im Kabinett bestimmt man die Richtlinien der Politik. So viel Aufmerksamkeit, Einfluss und Ehre gibt es in keinem anderen Job. Deshalb wollte auch keiner von denen, die einmal oben waren, freiwillig wieder absteigen.

Der Bismarck der Bundesrepublik

Der erste, Konrad Adenauer, knapp gewählt, nämlich mit einer Stimme Vorsprung – seiner eigenen, versteht sich – hielt 14 Jahre durch.

1949 inthronisiert, zum Herrschen hochbegabt, ein Fuchs und bisweilen auch ein Menschenverächter, vor dem man sich fürchtete, nutzte seine Machttalente, um das geschundene Land im Westen zu verankern und ihm allmählich wieder einen Platz im Kreis der zivilisierten Völker zu verschaffen. Unzweifelhaft, dass er ein Mann von außerordentlicher Statur war, ein Bismarck des 20. Jahrhunderts, das Urbild eines Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland. Er selbst glaubte das natürlich auch und konnte sich schon aus diesem Grunde nicht vorstellen, dass ihm ein anderer in diesem Amte nachfolgen würde. Aber er war alt, hatte schon bei seiner Wahl die 70 überschritten. Seine „einsamen Entschlüsse“ – ähnlich wie jetzt bei Schröder und Müntefering – brachten viele Gefolgsleute gegen ihn auf. Starrheit ging von ihm aus, legte sich lähmend auf das Land. Kaum jemand, bei den Regierenden wie den Regierten, der nicht spürte, dass es nun genug sei. Nur er spürte es nicht, ließ sich Anno 1959 aber doch überreden, von der Macht zu lassen und, gleichsam als Entschädigung, Bundespräsident zu werden – in der irrigen Auffassung, es käme nur auf den Mann und nicht auch auf die Möglichkeiten des Amtes an, es sei also egal, wer unter ihm Kanzler würde. Vielleicht tat dann ein Blick ins Grundgesetz seine Wirkung, vor allem aber wollte er Ludwig Erhard verhindern, von dem er wusste, dass er als Wirtschaftsminister fähig, jedoch nicht ausreichend begabt für die Macht im Kanzleramt war. Also widerrief er sein Versprechen, sich bei der Wahl des Bundespräsidenten zu bewerben, und konnte noch einmal fast vier Jahre lang regieren. Es war also ein langer Abschied. Mühsam hatte man dem alten Mann die Macht entwinden müssen. Denn wie alle, die zu lange regieren, hielt er sich am Ende für unentbehrlich und unersetzlich, sogar mit 87 Lebensjahren.

Der Wirtschaftskünstler

Aber Konrad Adenauer behielt doch Recht, wenn er Ludwig Erhard als Kanzler ablehnte. Sein Nachfolger war ein einfallsreicher Wirtschaftsminister, der Vater des deutschen Wirtschaftswunders und der Deutschen Mark – ja vielleicht so etwas wie ein Wirtschaftskünstler. Ein Kanzler war er nicht.

Wo Adenauer einsame Entschlüsse traf und sie als ein „grand simplificateur“, ein großer Vereinfacher, wie man ihm nachsagte, in starken Worten unter die Leute brachte, errang sich Ludwig Erhard bald den Ruf eines schwankenden Regenten. Als er zudem noch von „Maßhalten“ sprach und die Intellektuellen „Pinscher“ nannte, geriet er vollends in die Kritik. Auch weckten Kohlekrise und Stahlflaute plötzlich Zweifel an seiner Kunst, und unerwartet hoch – wie sich die Ereignisse gleichen! – gewann dann die SPD, also die Partei der Opposition, im Sommer 1966 die Wahl in Nordrhein-Westfalen. Das war der Anfang vom Ende der kurzen Ära des Kanzlers Erhard. Sein Koalitionspartner, die Freien Demokraten, nahmen am 27. Oktober 1966 eine Steuerfrage zum Anlass, das Bündnis aufzukündigen. Zwei Wochen später kürte die CDU/CSU Fraktion Kurt Georg Kiesinger zum Kanzlerkandidaten. Am 1. Dezember 1966 wurde er vom Deutschen Bundestag gewählt. Die erste große Koalition in der Geschichte der Bundesrepublik konnte mit ihrer Arbeit beginnen. Ludwig Erhards Kanzlerschaft schrumpfte zur Episode. Die Union, die nicht zuletzt durch ihn so erfolgreich gewesen war, hatte sich seiner zügig entledigt.

König Silberzunge

Freilich war Kurt Georg Kiesinger ebenfalls kein sehr machtbewusster Kanzler. Eher war er ein Moderator, der zwischen den beiden politischen Blöcken die Waage halten musste, ganz abgesehen davon, dass es an seinem Kabinettstisch bedeutende und sehr eigensinnige Leute bei Laune zu halten galt – den sozialdemokratischen Wirtschaftsminister Karl Schiller etwa oder den christlich-sozialen Finanzminister Franz Josef Strauß. Er sei ein wandelnder Vermittlungsausschuss sagte man damals von Kiesinger, der ja tatsächlich zuvor den Vermittlungsausschuss zwischen Bundestag und Bundesrat in drei Legislaturperioden geleitet hatte. Ob seiner rhetorischen Fähigkeiten hing ihm auch der Name „König Silberzunge“ an. Er hatte so etwas Salbungsvolles, zelebrierte seine Auftritte gern wie ein barocker Fürst. Unerbittlich ging er nur mit seinen Beamten um, wie der spätere Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel bezeugte, der ihm aus der baden-württembergischen Staatskanzlei für ein paar Wochen nach Bonn gefolgt war, um ihm dort beim Redenschreiben zur Hand zu gehen. Da blieb dann in dem Referentenentwurf oft kein Stein auf dem anderen.

Kiesinger, ein sichtbar eitler Mensch, hielt sich nun mal für den begabteren Schreiber. Aber in dieser ganzen Glückseligkeit über sich selbst, über seine hochgewachsene Altmännerschönheit, über seine gepflegten Formen, seine literarischen Talente entpuppte er sich auch als ein bisschen harmlos. Es war ihm offenbar entgangen, dass die Wahl Gustav Heinemanns zum Bundespräsidenten im März 1969 schon ein Stück Machtwechsel bedeutete. Erst recht hatte er keine Ahnung, dass sich SPD und FDP für den Fall eines Sieges bei den Bundestagswahlen im September 1969 schon abgesprochen hatten. Und so strahlte er in der Wahlnacht selig in die Fernsehkameras, als sich herausstellte, dass die Unionsparteien mit 46 Prozent die stärkste Fraktion bildeten. Er war sich sicher, im Kanzleramt zu verbleiben, hatte ja auch Erfolge wie einen neuen Aufschwung der Wirtschaft vorzuweisen. Doch das half nichts, er musste gehen – ausgetrickst, übertölpelt, zur Seite geschoben, in die Opposition verbannt. Für ihn kam das völlig überraschend, und keiner der sieben Bundeskanzler, welche die Bürger der Bundesrepublik seit 1949 erlebt haben, zeigte sich so perplex und so ungeschützt, ja fast kindlich enttäuscht bei seinem Ausscheiden aus dem Amt.

Großes Pathos, kleine Sünden

Das war bei seinem Nachfolger, bei Willy Brandt, ganz anders. Wer ihn sah, nachdem er sein Amt zu Verfügung gestellt hatte, erlebte einen Befreiten, Erleichterten. Er blühte auf, die Last des Regierens war von ihm genommen, er konnte sich wieder ganz auf das konzentrieren, was ihm mehr lag als der politische Alltag – auf die großen Ziele, auf die Entwürfe seiner Partei. Immerhin war er ein erfolgreicher Außenpolitiker gewesen – erst als Minister, dann als Kanzler. Er hatte die Deutschen mit dem Osten versöhnt, vor allem mit den Polen, aber auch mit Rumänien, Jugoslawien, Ungarn und der Tschechoslowakei. Unter Kiesinger hatte er diese Politik schon begonnen, danach mit seinem liberalen Außenminister Scheel gegen viele Widerstände vorangebracht. Das entsprach dem Zeitgeist, und Willy Brandt wurde fast zum politischen Heiligen, als er vor dem Ehrenmal des jüdischen Ghettos in Warschau und damit auch vor den Opfern des Nationalsozialismus auf die Knie sank. Er war eben ein Meister der dramatischen Geste und des politischen Pathos und in beidem sehr überzeugend. Sein Ansehen in Deutschland und in der Welt standen allerdings im krassen Gegensatz zu seiner Fähigkeit, ein Kabinett straff zu führen. Willy Brandt erwies sich beim Regieren als schwacher Kanzler, dem seine Minister auf der Nase herumtanzten und der es zuließ, dass die ÖTV seiner Regierung einen viel zu hohen Abschluss für den öffentlichen Dienst aufzwang. Trotzdem kam der Rücktritt im Mai 1974 völlig überraschend. Sein Referent Günter Guillaume war als DDR-Spion enttarnt worden. Und als der Kanzler in seiner Rücktrittserklärung bekannte, dass er „nicht erpressbar“ sein wolle, sickerten auch Nachrichten von mancherlei Frauengeschichten durch. Der politische Visionär als Weiberheld, ausgespäht von einem Offizier der Nationalen Volksarmee. Nein, er konnte nicht Bundeskanzler bleiben. Aber Parteivorsitzender durfte er sein, am Ende sogar Präsident der Sozialistischen Internationale. Und doch fiel von seinem unrühmlichen Sturz ein Schatten auf das Bild dieses großen Sozialdemokraten.

Nichts als Krisen

Niemand anderes als Helmut Schmidt konnte sein Nachfolger sein. Er war der starke oder besser: der stärkste Mann in Willy Brandts Kabinett – erst in der Rolle des Verteidigungsministers, dann in der des Finanzministers. Am 16. Mai 1974 wurde er zum fünften Kanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Keinem seiner Vorgänger stand die Rolle auf Anhieb so gut wie ihm: brillant im Auftreten und Reden, handlungsfähig vor jedem Problem, kein Visionär wie Willy Brandt, sondern ein Techniker der Macht, ein Macher. Niemand hätte es gewagt, seine Autorität in Frage zu stellen. Helmut Schmidt hatte alles, was ein Kanzler braucht. Nur die großen historischen Herausforderungen, die hatte er nicht. Ihm blieben die Ölkrise und der Herbst des RAF-Terrors im Jahr 1977. Er bewältigte beides. Doch seiner Partei war das zu wenig. Vor allem die Linken darin stießen sich an seiner nüchternen und pragmatischen Politik. Sie maßen ihn am Visionär Brandt, und Willy Brandt, der überlebensgroße Parteivorsitzende, maß ihn an sich selbst. Folglich standen sie alle beide nicht hinter ihm, vor allem nicht in der Frage der Nachrüstung von Mittelstreckenraketen. Probleme der Wirtschaft und auch damals schon Arbeitslosigkeit, Rentensorgen und Staatsverschuldung kamen hinzu. Schmidt konnte sich seiner Genossen nicht mehr sicher sein. Das Regieren wurde von Abstimmung zu Abstimmung schwieriger. Da wandte sich auch der liberale Koalitionspartner ab, um nicht mit in den Abgrund gerissen zu werden. Am 17. September 1982 verließen die FDP-Minister das Kabinett und kamen damit ihrer Entlassung zuvor. Der Kanzler befehligte noch ein paar Tage eine Minderheitenregierung. Am 1.Oktober 1982 wurde er durch ein Misstrauensvotum gestürzt. Erhobenen Hauptes ging er im Bundestag zu Helmut Kohl, um dem Nachfolger zu gratulieren. Das hatte Würde, das hatte Stil. Ein Staatsmann trat von der Bühne ab, und wie man weiß, fiel er absolut nicht ins Leere.

Die Chance der Einheit

In der Form konnte ihn Kohl nie erreichen. Und am Anfang schien er, zusammen mit seinem Kanzleramtschef Schreckenberger – nomen est omen – auch das alltägliche Geschäft des Regierens nicht in den Griff zu bekommen. Der Pannenkanzler wurde er genannt. Auf dem Bremer Parteitag, im Spätsommer 1989, versuchten ein paar Frondeure, unter ihnen auch Lothar Späth, Heiner Geissler und Rita Süßmuth, seine Macht zu unterminieren. Doch er hatte die Union, die Basis seiner lange währenden Herrschaft, auch in diesem Moment voll im Griff und längst die Strippen gezogen. Am Ende waren die Rebellen die Verlierer. Er aber blieb im Amt und bekam die Chance, sich in den Jahren 1989 und 1990 als Kanzler der Einheit vor der Geschichte zu bewähren. Vorher oft belächelt, erlebten die Deutschen Helmut Kohl in diesen dramatischen Monaten als einen Politiker, der im einzig richtigen Moment sowohl die zündenden wie die besänftigenden Worte fand und der das Zukunftsweisende tat. Aus dieser Situation ging er als Staatsmann hervor, und keiner der Fehler, die er danach machte, vermochte seine Herrschaft zu erschüttern. Das mussten nach 16 Jahren die Wähler besorgen, um das Land aus der Erstarrung zu befreien. Am 27. September 1998 entschieden sie sich für Rot-Grün und damit für Gerhard Schröder als Bundeskanzler. Helmut Kohl trat mit einem Lächeln ab. Erst in der bald darauf folgenden Spendenaffäre ist es ihm abhanden gekommen – vorübergehend.

Noch ein Opfer der Linken

Gerhard Schröders Zeit als Bundeskanzler währte nicht einmal halb so lange wie die seines Vorgängers. Angetreten war er als Reformkanzler und als Galionsfigur für die Generation der Achtundsechziger. Das eine passte nicht besonders gut zum anderen, aber die Grünen fügten sich, und beides nicht zu den linken Parteifeinden. So tat er erst einmal fast nichts, und als er – der Genosse der Bosse – dann doch das anpackte, was er sich ursprünglich vorgenommen hatte, brachen die alten Gräben auf. Wieder sah man die üblichen Verdächtigen, die bekannten Kanzlerkiller am Werk: Arbeitslosenzahlen, Haushaltsprobleme, Wahldebakel in Nordrhein-Westfalen – und, da es um einen sozialdemokratischen Kanzler ging – die dogmatische Linke in der eigenen Partei, die, wenn man sie denn ließe, natürlich alles gerechter gestalten und Deutschland in die seligen siebziger Jahre zurückzaubern würde. So wenig wie Helmut Schmidt konnte sich Gerhard Schröder gegen Ende seiner Regierungszeit auf die eigene Mehrheit verlassen. Als er am 22. Mai dieses Jahres Neuwahlen ankündigte, wollte er sich einen eleganten und ehrenvollen Abgang verschaffen – nicht als Getriebener, sondern als selbst Vorantreibender. Das misslang. Und es misslang auch, am Wahlabend des 18. September ein Gespensterballett aufzuführen und die Niederlage in einen Sieg umzumünzen. Erst seit er seine Niederlage angenommen hat, steht Gerhard Schröder wieder als ein Sieger da. Wer einmal Kanzler war, der bleibt es – zumindest im Ansehen und in der Achtung der Leute. Da hat man zwar keine Macht mehr, aber möglicherweise das weitaus bessere Leben.

Sibylle Krause-Burger ist politische Journalistin und Buchautorin. Zuletzt erschien von ihr „Ein einig Volk von Träumern. Szenen der deutschen Krise“.

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