Kultur : Scheue Blicke in der Wüste

Die Videokünstlerin Shirin Neshat beeindruckt mit ihren Schwarzweißfilmen vom Leben der Frauen im Islam. Am Mittwoch wird sie an der Berliner Universität der Künste mit dem „01 award“ ausgezeichnet

Christina Tilmann

Viele Künstler haben sich nach dem 11.September geäußert, berufene und unberufene. Von einer allerdings hätte man gern etwas gehört: Die Foto- und Videokünstlerin Shirin Neshat, 1957 im Iran geboren, seit fast 25 Jahren in den USA, kennt Orient wie Okzident, hat in beiden Kulturen gelebt - und steht zwischen beiden. Eine Exil-Perserin, die in New Yorks Kunstszene sozialisiert ist, die Tochter eines kulturbegeisterten Arztes aus Qazvin, einer Kleinstadt im Nordwesten Irans. Seit Mitte der 90er Jahre gilt sie als Shooting-Star der internationalen Kunstwelt. Sie ist eine erklärte Feministin, die dennoch Verständnis für die Regeln und Traditionen muslimischer Gesellschaften hat: Gern hätte man gewusst, wie so jemand den fanatischen Glaubenskriegern gegenübersteht.

Zu solchen Fragen hat sich Shirin Neshat nicht geäußert. Die zierliche 45-Jährige mit oft kajalverstärktem dunklen Blick hat sich selbst gern in ihren Fotos und Videos porträtiert – und bleibt als Person dahinter fast unsichtbar. Sie hat in den letzten Jahren mit Hilfe ihrer Galeristin Barbara Gladstone fleißig an ihrer Karriere gefeilt und hat sich das Recht vorbehalten, in ihren Werken politische Themen zu behandeln, ohne selbst darüber diskutieren zu müssen. Es sei ihr ganz recht, dass ihr Werk im Iran unbekannt sei: Sonst hätte sie und hätten ihre Freunde und Familie dort nur Schwierigkeiten bekommen. Ihr größter Traum allerdings: irgendwann einmal wieder länger im Iran zubringen zu können und dort zu arbeiten. Denn bislang wurden die Videos in den karstigen Gebirgslandschaften der Türkei oder Mexikos gedreht - und noch nie im Iran gezeigt.

Tatsächlich kreisen ihre Arbeiten um ein Kernthema west-östlicher Auseinandersetzungen: der Rolle der Frau in der muslimischen Gesellschaft. Unter dem Tschador verhüllt, ohne eigene Stimme, wie schwarze Raben in der Landschaft sind Neshats Frauen dennoch diejenigen, die sich befreien, die handeln. Sie sind es, die am Ende ein Boot in die Freiheit besteigen, während die Männer in einer Festung zurückbleiben (im Video „Rapture“). Sie sind es, die mit ihrer emotionalen Kraft die Männer an die Wand singen (in „Turbulent“). Und in ihren ersten bekannten und zugleich umstrittenen Fotoarbeiten hat sie „Women of Allah“, Märtyrerinnen für den Glauben porträtiert: verhüllte Frauen mit Waffen. Den Tschador, die im Westen als Unterdrückung angesehene Verschleierung, benutzt sie in ihren Arbeiten auch als Schmuck oder Schutz, verdammt ihn aber nicht. Es ist nicht alles Schwarz und Weiß im Werk von Neshat - auch wenn sie fast ausschließlich mit diesen Nicht-Farben arbeitet.

Das Mädchen und die Sünde

Ihr Blick auf den Iran ist allerdings der Blick einer Fremden, Fremdgewordenen. 1990 kehrte Shirin Neshat nach elf Jahren erstmals in den Iran zurück und stellte entsetzt fest: „Es gab kaum noch Farben. Alle trugen Schwarz oder Weiß. Die Frauen waren verschleiert. Es war ein Schock für mich.“ Sie beginnt, sich mit iranischer Geschichte zu beschäftigen und hängt die Malerei an den Nagel. „Women of Allah“ (1993 bis 1997) ist ihr erster internationaler Erfolg. 1996 wechselt sie zur Videotechnik: 1997 nimmt sie an der von Okwui Enwezor kuratierten Biennale in Johannesburg und an der Biennale in Istanbul teil, 1999 gewinnt sie auf der Biennale in Venedig den Preis für „Turbulent“, und schließlich war sie im vergangenen Sommer auf der Documenta in Kassel vertreten.

Der Erfolg ist längst nicht mehr aufzuhalten: Gerade wurde ihr Werk von der Kunstzeitschrift „art“ zu den 25 Meilensteinen der aktuellen Kunst gewählt. Und am Mittwoch bekommt sie an der Berliner Universität der Künste den „01 award“ verliehen – eine undotierte Auszeichnung, die mit einer Honorarprofessur verbunden ist und aus einem Public-Private-Partnership der UdK mit der Deutschen Bank erwuchs.

In Deutschland ist Shirin Neshat spätestens bekannt, seit „Turbulent“, „Rapture“ und „Fervor“ zunächst in Wien und dann 2001 in Hamburg zu sehen waren. Was waren wir begeistert von den spröden SchwarzWeiß-Bildern der Filme, von den kargen Landschaftsbildern, die dem von Neshat verehrten iranischen Filmregisseur Abbas Kiarostami gleichen, von den Gruppen von Männern und Frauen, die sich wie Ornamente in der Landschaft verteilen, als Kreise, Ringe, Mauern. Oft sind seitdem die Konstellationen dieser drei Zehn-Minuten-Sequenzen beschrieben worden, die - wie immer bei Neshat - auf zwei Leinwände mal nebeneinander, mal rechts und links vom Zuschauer projiziert werden: Ein Sänger, der in einem Konzertsaal seinem männlichen Publikum eine klassische Ballade darbietet. In den begeisterten Applaus hinein erhebt sich eine Frau und singt in markerschütternden Tönen ihr persönliches Lied - vor leeren Bänken. Im Iran dürfen Frauen nicht öffentlich auftreten. Oder die zufällige Begegnung einer verschleierten Frau mit einem Mann in der Wüste, ein kurzer Blick, und dann das Wiedererkennen inmitten einer andächtigen Versammlung, in der ein fanatischer Redner über die „Sünde der Begierde“ hetzt. Beim letzten Treffen gehen beide aneinander vorbei, eine Begegnung findet nicht statt.

Es sind diese einfachen, ohne Worte wirksamen Konstellationen, die Neshat für den Westen so attraktiv gemacht haben. Ihre Werke kommen mit der Wucht klassischer Tragödien daher, inhaltlich und auch visuell. Die Beschränkung auf Schwarzweiß, der souveräne Schnitt, die Figuren, die wie Chiffren stumm im Raum stehen, entfalten einen unwiderstehlichen Sog. Neshats Filme sind sehr verschlossen und gleichzeitig für jeden verständlich. Sie schildern eine fremde Welt, und sind durch die konsequente Ästhetisierung doch für westliche Augen leicht zu lesen. Das macht die Arbeiten so überwältigend - und gleichzeitig so leicht zu vereinnahmen. Ihre dekorativen Fotografien verschleierter Frauen, über deren Gesichter, Hände oder Füße sich kalligraphischen Spiralen mit persischen Lyrikzeilen ausbreiten, haben als Sinnbild des Fremden inzwischen Kultstatus.

Die Greisin und der Baum

Vielleicht auch deshalb machte sich bei manchen so etwas wie Unbehagen breit, als Neshat auf der Documenta 11 ihre jüngste Arbeit „Tooba“ vorstellte. Der Film, angesiedelt in der Wüste Mexikos, erzählt die Geschichte der mühsamen Verteidigung des Gartens Eden, eines steinumrandeten Gevierts rund um einen jahrtausendealten Baum. Während außerhalb des Gartens Gruppen von Männern eine Art Jagd veranstalten und bedrohlich immer näherrücken, erscheint im Schatten des Baums eine weise alte Frau. Und als die Männerhorden schließlich in den Garten eindringen, verschmilzt die alte Frau mit ihrem Baum. Der Wechsel zwischen der einsamen Frau und den Männermengen, zwischen der Landschaft mit wenigen Bäumen und dem umfriedeten Bereich war eindrucksvoll genug. Die Arbeit war beliebt, der Raum im Friedericianum regelmäßig überfüllt, und doch: Gerade im stark politisierten Umfeld der übrigen Documenta-Werke, zwischen Dokumentationen aus Indien, Israel, der mexikanischen Grenze oder Bildern vom 11. September wirkte Neshats Fabel vom Anfang der Welt plötzlich seltsam unverbindlich. Man hätte sich gewünscht, sie wäre deutlicher geworden.

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