Kultur : Schienenglück

Annett Gröschner fährt nichts als „Linie 4“.

Erhard Schütz

Paradies ist ganz sicher einer der schönsten Namen, den ein Bahnhof haben kann. Allerdings müsste er ein Zielbahnhof sein. Der Zug hält an, alle steigen aus und bleiben für immer, auch der Lokführer und die Schaffnerinnen.“ Aber weil es lediglich einen Durchgangsbahnhof mit diesem Namen gibt, in Jena, muss Annett Gröschner weiterfahren, immer mit der Linie 4. Mal Tram, mal Bus, mal Bahn – zwischen Amsterdam und Kasachstan, Magdeburg und dem Marmarameer. Die 4 verdankt sich einer herkunftsbedingten Marotte. Doch die so gesehene und erzählte Welt wäre wohl wenig anders, ginge es um die 6. „Öffentliche Verkehrsmittel sind die Hauptschlagader einer Stadt: sie transportieren Leute, ohne deren Tätigkeit das öffentliche Leben zum Erliegen käme, Krankenschwester, Lehrer, Verkäuferinnen, Industriearbeiter, alle, die sich kein eigenes Auto leisten können oder wollen.“

Annett Gröschner begleitet sie, am liebsten in der Straßenbahn. Sie ist eine gelernte DDR-kritische DDRlerin, misstraut also den Fortschrittsversprechen und vertraut auf die Wiederkehr des Ähnlichen. Haltepunkte der Erinnerung, etwa die im Osten, den sie weitläufig bereist, und dabei Tatra-Wagen oder Ikarus-Bussen begegnet.

In Istanbul kommt die Straßenbahn gar von der VEB Hans Beimler. Einkaufszentren hingegen mag sie nicht; lieber ist sie mit den Arbeitenden unterwegs. Selbst wenn die Fahrerinnen oder Schaffnerinnen ganz schön kratzbürstig sind. So entstehen Porträtminiaturen und wundersame Beobachtungen, sorgsam wiedergegeben. Nichts ist in dieser Welt konstant: nicht die Schienen, außer in Alexandria, wo sie noch von 1860 datieren, nicht die Wagen, nicht die Linien.

So werden die Fahrten zum Repertoire sozialer, historischer, technischer und konsumgesellschaftlicher Vor- und Übergänge. Migrations- und Emigrationsgeschichten flechten sich ein, Augenblicksgefühle und unverhoffte Begegnungen. Eine romanhaft bunter Kosmos, zusammengesetzt aus aller Welt, ist so entstanden, überweht vom Rauchschleier der Melancholie. Den unterstützen die grauweißen Fotos von Annett Gröschner und Arwed Messmer nach Kräften.

Am traurigsten erscheint Temeswar, wo abgelegte Straßenbahnen aus Bremen fahren, am quirligsten Alexandria und am faszinierendsten Peking und Astana. Natürlich auch Berlin, mit gleich zweimal der 4! Faszinierend jedenfalls, wie aus dem eigensinnigen Verfolg von Linien ein so plastisches Gewirr entstehen kann, dass man noch lange das Quietschen zu hören und das Rumpeln zu spüren meint. Erhard Schütz

Annett Gröschner: Mit der Linie 4 um die Welt. DVA, München 2012. 399 S., 22,99 €.

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