Kultur : Schimmelkünstler

Sein künstlerisches Material war das, woraus Kinderträume sind; seine Gedichte beschäftigen sich mit dem, was Eltern ihren Sprößlingen seit jeher vergeblich als Unwort auszutreiben versuchen: Schokolade und Scheiße.Und dann ließ er die Schokolade, ebenso Käse und Quark auch noch höchst kunstvoll verschimmeln.Dieter Roth deshalb als eigenwilligen Künstler zu bezeichnen, scheint beinahe milde ausgedrückt.Auch aufgrund seiner Vielseitigkeit - schließlich arbeitete er außerdem als Filmer, Performer, Designer, Komponist - fiel der gebürtige Hannoveraner immer wieder durch die Raster der Museen und Anthologien.

Dennoch hat es stets Freunde und Förderer gegeben, die die Bedeutung dieses Multitalents erkannt haben und ihm ein entsprechendes Forum boten.So wurden bei den jüngsten großen Eröffnungen zeitgenössischer Museen, dem Hamburger Bahnhof in Berlin und der Galerie der Gegenwart in Hamburg, dem in der Schweiz lebenden Künstler jeweils eigene Kabinette eingerichtet.Hier war zumindest seine von einem Museum zu würdigende Welt vertreten: die unter Glasstürzen lagernden Schokoladenobjekte und seine buchkünstlerischen Arbeiten.

Ebenso wie seine Skulpturen und Schimmelbilder das langsame Verschwinden zelebrierten, liebte es auch der Künstler selbst, sich zu entziehen: Mal schrieb er seinen Vornamen mit "e", mal ohne, seinen Nachnamen mal mit, mal ohne "h"; ganz zu schweigen von seinen Psyeudonymen Otto Hasen, Max Plunerbaum, Fax Hundetraum.

Bei der Verleihung des Berliner Kunstpreises vor vier Jahren erlaubte er sich deshalb den Spaß, in Zeitlupentempo mit Stielrose, Schiebermütze und Sektflasche ganz einfach von der Bühne zu verschwinden, nachdem er zuvor Festredner Walter Jens mit Zwischenrufen verblüfft hatte.Für Festlegungen war der Neo-Dadaist eben nicht zu haben, für jegliche Art der Sinnstiftung schon gar nicht.Wie jetzt bekannt wurde, erlag Dieter Roth in der Nacht zum Sonnabend 68jährig in seiner Baseler Wohnung einem Herzversagen. NK

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